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Durchschnittsmusiker von S. Vogel

1. April 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Wohnzimmer, drei Uhr drei pi m. Das Haar sitzt. Das Haupthaar jedenfalls. Die restlichen rund 25.000 Haare an meinem Körper – so viele Körperhaare hat der Mensch durchschnittlich und, so lehrte mich das Leben, ich bin der personifizierte Durchschnitt – stehen. Stehen hoch, stehen stramm, stehen. Stehen vor Schock, vor Fassungslosigkeit, stehen vor Entsetzen. Auch ich stehe, vor Entsetzen, bin schockiert, fassungslos, stehe neben mir, kann mich beinahe sehen, kann mich nicht rühren, will fortlaufen, aber kann nicht fortlaufen. Wie bei einem Verkehrsunfall, dessen grausamer Anblick mich ekelt, aber gleichwohl hindert, einfach weiterzugehen, muss ich auch jetzt stehenbleiben. Nicht als Schaulustiger: als Hörlustiger. Ich glotze mit den Ohren, höre mir fremdes Elend an, und riskiere dabei mein Leben – und das Leben anderer.

Eingangstür, Wohnung links neben mir, vor einem Monat. Das Haar – so lala. Ich hatte versucht zu schlafen – Nachtschicht im Krankenhaus, einem durchschnittlichen, wo ich als Arzt fungiere –, doch dieses Schlafengehen ist im Versuch steckengeblieben. Auch vor einem Monat stand ich regelrecht im Bett, aufrecht, stand wie nach einer Kanne Kaffee, auf ex. Unsere Wände sind recht dünn, nicht so dünn, dass ich das Fernsehprogramm meiner Nachbarn sehen könnte, doch dünn. „Hausmusik ist das und Sie haben ja überhaupt keine Ahnung“, schallte es mir entgegen, als ich Herrn und Frau Schiemizek auf die sich im Haus rasch wie ein Lauffeuer ausbreitenden Missklänge ihrer Geige-Querflöte-Combo hinwies, auf meine Schicht-im-Krankenhaus-Problematik samt Haftungsrisiko bei wegen Schlafdefizits fahrlässig-schlampig ausgeführten Operationen verwies und sie auch nett, aber bestimmt anwies, ihre Jamsession eventuell am Sankt-Nimmerleins-Tag, zumindest aber zu einer Uhrzeit, die meine Anwesenheit in meiner Wohnung nicht notwendigerweise erforderlich machte, fortzuführen. „Wir haben auch Rechte als Mieter“, beendete Herr Schiemizek das Gespräch abrupt, und obgleich ich seiner zugeschlagenen Wohnungseingangstür noch „Vielen Dank für Ihr Verständnis“ zuraunte, zeitigte mein charmanter Besuch nicht die erwünschten Wirkungen. Ich stand dann die nächsten Stunden auch weiterhin mehr im Bett als dass ich lag und mein Stehvermögen neben dem OP-Tisch war eher schlecht als recht, immerhin: Ich hatte keine Handys, Tupfer, sonstiges Operationsbesteck in meinen Patienten vergessen und bis dato hat sich die postoperative Mortalitätsrate meiner Post-Geige-Querflöte-OP-Opfer auf einem durchschnittlichen Niveau gehalten.

Meine Wohnung, heute, JETZT. Haar scharf vor dem Zusammenbruch und ich auch. Die Axt zur Haarspalterei liegt griffbereit, der Countdown bis zu meinem ersten Amoklauf zählt unabänderlich runter: Noch sieben falsche Tö…, noch sechs fa…, fünf, vier falsche Töne, bis ich die Bude da nebenan stürme, und kein Drei Wetter Taft wird irgendein Haar auf dieser Welt vor diesem Sturm meiner Entrüstung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit beschützen können.

Ich bin ein durchschnittlich toleranter Mensch. Jeder Mensch macht Fehler, sollen sie auch, ich mach ja selber Fehler, bin zum Beispiel hierher gezogen. Auch die Schiemizeks machen Fehler, ihre ganze Ehe ist ein Fehler, und der Glaube daran, diese rissige Ehe mit einem gemeinsamen Hobby wie dem Musizieren wieder kitten zu können, ist der König aller Fehler, die Falschheit des Falschen, ein Versuchsballon, der bei stürmischem Wind startet und nach der ersten Böe unweigerlich im Starkstrommast des Lebens verbrutzeln muss. Sollen die Schmiemizeks auch diesen Fehler begehen, ich toleriere selbst das. Was ich nicht toleriere, unter gar keinen Umständen toleriere, ist jedoch ein auf Basis von Blödheit angerichteter, mit Sturheit gespickter und um den Hauch von Idiotie verfeinerter Dilettantismus, der mit zwei multipliziert wird, direkt neben mir sein Hauptquartier hat und in mir den Wunsch reifen lässt, man möge mir doch bitte mein Trommelfell stutzen oder gleich ganz abrasieren. Wenn Herr Schiemizek ganz verquer flötet und seine Frau dann virtuos – man möchte meinen: ihm die Meinung – geigt, erkenne ich als durchschnittlich Kulturgebildeter regelmäßig weder einen Takt, noch eine Melodie, geschweige denn das ganze Lied, ich weiß nur eins: Kein Richter der Welt würde mich dafür verurteilen… Und so bin ich auch jetzt drauf und dran, die bisher recht durchschnittliche Kriminalitätsrate meiner Stadt um das ein oder andere Kapitalverbrechen zu bereichern, frage mich indes in meiner juristischen Laiensphäre – ich habe drei Semester Jura studiert, war aber zu durchschnittlich –, ob nicht Notwehr meine Tat rechtfertigen würde, schließlich lässt sich das Verhalten der Schiemizeks sicherlich dem Tatbestand der versuchten Körperverletzung oder gar (irgendwie analog) der Bildung einer terroristischen Vereinigung subsumieren, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Frau Schiemizek in diesem Falle als Rädelsführerin zu klassifizieren sei.

Gehüpft wie gesprungen, der Moment initiativ zu werden naht, der Countdown ist schon seit zwei Strophen bei null angelangt, die ersten meiner Nackenhaare beginnen zu ergrauen und in dreieinhalb Stunden bin ich Operateur einer
Nierenexplantation, die ich schlecht vornehmen kann, wenn ich selbst zuvor den Hirntod erlitten habe. Entgegen aller Mordgelüste entscheide ich mich gleichwohl für die gegenüber allen Amokgedanken einen Takt minder impulsive Erziehungsmaßnahme und klopfe nur seicht mit der flachen Hand an die unsere Wohnungen voneinander trennende tragende Wand. Tatsächlich wird mein dezentes Klopfen, da ich es im Stile eines sich orgastisch verstärkenden Trommelwirbels zum absoluten Höhepunkt steigere, nach exakt zwei bis acht Minuten erhört und das Orchester pausiert. Stille. Ruhe. Ich sitze.

Sitze und kann die Stille hören, höre mein ehedem rasendes Herz sich verlangsamen, den vormals mäandernden Blutstrom endlich wieder in geordneten Bahnen pulsieren. Frieden. Meine Gänsehaut: verschwunden. Frieden. Ich atme langsam, keine Spur mehr von Wut, Ärger. Bin ausgeglichen, selig. Noch zwei Stunden kann ich ruhen, diese Ruhe genießen, sie einsaugen, mich von ihr gefangen nehmen lassen, mich von der Stille übermannen lassen. Es ist: Frieden.

Ich döse ein mit dem Gedanken, um wie viel nervenaufreibender dieser Nachmittag verlaufen wäre, hätte ich wirklich zum Äußersten gegriffen und die Polizei gerufen. Auch wenn ich die Anzeige wegen Ruhestörung wegen mangelnder Erfolglosigkeit wohl nimmer hätte bis zum Ende durchziehen können und um des lieben Nachbarschaftsfriedens willen auch nicht hätte durchziehen wollen, so wäre es vielleicht ein angemessener Stoß vor den Bug gewesen, wenn MC Schiemizek und DJane Violin Besuch von den Men in Blue bekommen hätten. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, das nächste Konzert kommt bestimmt.

Die Türklingel unterbricht meinen seichten seligen Schlaf, der Blick durch den Türspion lässt meinen Glauben an Telepathie rasant anwachsen, doch sogleich nach Öffnen der Türe wird nicht nur mein Vertrauen in die Telepathie, sondern gleichsam in den Rechtsstaat arg erschüttert. Ein Staatsbediensteter in blauer Uniform wirft mir unzulässigen Lärm nach § 117 OWiG vor, da ich wohl lautstark gegen die Wand gehämmert hätte, was eben eine Ordnungswidrigkeit darstelle – so viel wusste ich trotz durchschnittlicher Leistungen und Abbruch des Jurastudiums auch gerade noch so, du Depp, denke ich, wohl wissend, dass die Gedanken ja frei sind –, und fordert mich auf, weitere Belästigungen der Nachbarn zu unterlassen. Ich nicke konsterniert, verabschiede die netten Herren freundlich in den frühen Abend hinein und vernehme bei noch offener Wohneingangstüre die ersten Klänge aus der Wohnung Schiemizeks, die das Treppenhaus und sicherlich auch meine Wohnung wieder mit Wohlklang sowie mein Herz mit Suizidneigung füllen. „Oh, eins von Mozarts Duetten für Flöte und Violine, spielen meine Frau und ich auch ab und zu“, höre ich einen der Polizisten noch staunen. ‚Durchschnitt’, denke ich mir, und überlege kurz, ob Kehle oder Pulsadern…

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Sebastian T. Vogel

10. March 2010 | von | Kategorie: Vorleser

Sebastian T. Vogel wurde 1984 in Merseburg geboren und hat es im Leben schon sehr weit gebracht: Er wohnt mittlerweile im zwei Fahrstunden von Merseburg entfernten Berlin. Nach seinem Studium der Rechte im schönen Halle an der Saale verschlug es den promovierenden Juristen in die Hauptstadt der Höflichkeit, wo er neben seinem Rechtsreferendariat auch Menschenstudien betreibt. Erste Ergebnisse: Where is the love ODER Wie lang dauert es, bis ich mich an die nonchalante Berliner Art gewöhne? Noch jung ist das schriftstellerische Leben vogels. Gleichwohl wurden schon einzelne Gedichte und Kurzgeschichten einem breiteren Publikum zugemutet, zum Teil in der einen oder anderen Anthologie, zunehmend jedoch auf der Lesebühne der Unerhörten. Hier verarbeitet der Sachsen-Anhalter seine zuweilen traumatischen Erlebnisse in schriftstellerischer Form; Ähnlichkeiten zu lebenden Personen  sind gewollt und nicht zufällig.

Kontakt: sebastian@die-unerhoerten.de

 

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