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Unsere Stargäste – diesmal Mikis Wesensbitter

24. January 2017 | von | Kategorie: Blog

MikisMikis Wesensbitter bei uns zu Gast.

Mikis wäre eigentlich ein waschechter Ostberliner geworden, wenn nicht Ende August 1968 ein Unfall bei der Deutschen Reichsbahn den kompletten Schienenverkehr der DDR lahmgelegt hätte. So kam er in Zossen zur Welt. Schon im Kindergarten wurde er zum Mobbingopfer: 1. wegen seines Namens und 2. wegen seines Geburtsorts. Mit 6 Jahren bekam er wegen seiner tiefen Stimme Gesangsverbot, mit 9 Jahren wegen moralisch anstößiger Texte Schreibverbot und mit 12 Jahren wegen seltsamer Fragen im Biologieunterricht Redeverbot. Ein Friseurverbot hat er sich mit 15 Jahren dann selbst auferlegt wegen der permanenten Messerformschnitt-Diktatur der sozialistischen Einheits-Frisiersalons. Mit den Abgründen des Ostalltags kennt er sich also bestens aus.
Mit der Wende wurde es dann aber etwas besser. Schließlich durfte er nun singen, schreiben und sagen, was er wollte. Aber das durften ja jetzt alle. Und schon machte es ihm keinen Spaß mehr.

Nach zehn Jahren in der Musikbranche wechselte er Anfang der 2000er zum Journalismus. Seit 15 Jahren schreibt er u.a. für das Legacy, das Multimania und das AGM- Magazin. Auf seinem Blog veröffentlicht er zudem Geschichten über die beiden anderen schönsten Nebensachen der Welt: die Liebe und das Bier. Hier gehts zur Webseite Mikis Wesensbitter

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Ihr könnt uns übrigens auch gerne kontaktieren, falls Ihr schon einmal etwas geschrieben habt und dies vor einem Millionenpublikum vortragen wollt. Natürlich immer zu einem – von uns benannten – unerhörtem Thema!

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Unsere Stargäste – Heute: Michael André Werner

10. April 2015 | von | Kategorie: Blog

Michael Andre WernerZu (fast) jedem Leseabend laden wir immer auch einen Stargast ein, der unser Programm erweitern, bereichern und hoffentlich auch aufwerten soll. Außerdem können wir – “Die Unerhörten” – oftmals auch etwas von diesem Vortragenden lernen und/oder abschauen.
Am 09.04. war zum Beispiel der bekannte Schriftsteller Michael André Werner bei uns zu Gast.
Ihr könnt uns also gerne kontaktieren, falls Ihr schon einmal etwas geschrieben habt und dies vor einem Millionenpublikum vortragen wollt.
Immer zu einem – von uns benannten – unerhörtem Thema natürlich!

Mehr Infos zu Michael André Werner findet ihr hier …
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Michael Andre Werner Homepage“>

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Bürgersteiglesung in Staaken

13. May 2013 | von | Kategorie: Blog

UnerhoertenStaaken
Am Donnerstag, den 13.06.2013 waren “Die Unerhörten” auf der erstmals stattfindenden Bürgersteiglesung in Berlin Staaken zu hören. Ein ganz besonderes (und einmaliges) Erlebnis, welches nicht nur uns für immer in Erinnerung bleiben wird.
Unsere Auftrittsorte 2013 waren:
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  • Café Tasso – Friedrichshain
  • Café Morgenstern – Steglitz
  • Fotostudio “Die Lichtgestalten” – Kreuzberg
  • GEMISCHTES Kulturzentrum – Staaken
  • Die Spukvilla – Tempelhof
  • Alte Feuerwache – Friedrichshain
  • Haus Nansen – Zehlendorf
  • Galerie Petra Schnauder – Charlottenburg

    Wir sind also wieder einmal gut herumgekommen und das Jahr ist ja noch nicht zu Ende.

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  • Süß-Sauer bis Schaf – Unser allererstes Buch jetzt im Handel.

    1. May 2012 | von | Kategorie: Unser Buch

    Wer schreibt, der bleibt – den Leserinnen und Lesern in Erinnerung! Diese bunte Berliner Mischung hier schrieben “Die Unerhörten” und stellen ihre Kurzgeschichten somit erstmals in einem eigenen Buch vor.
    “Die Unerhörten” sind talentierte Autorinnen und Autoren, die mit viel Kreativität, Witz und Charme unerhörte Literatur schreiben. Seit 2009 präsentieren sie die knackfrischen Texte regelmäßig auf ihren berühmt-berüchtigten Lesebühnen-Veranstaltungen. Das lang ersehnte Buchdebüt vereint die breit gefächerte Individualität ihrer Schreibstile und garantiert unerhörten Lesegenuss.
    Freuen Sie sich auf Geschichten von: Friedhelm Feller-Przybyl, Doris Lautenbach, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Susanne Schmidt und Sebastian T. Vogel. Das “Kapitalistenschaf” – immer hungrig, aber schreibfaul – ist ihr Maskottchen.
    2011 waren “Die Unerhörten” nominiert zur besten Lesebühne Berlins.

    JETZT IM BUCHHANDEL:

    Die Unerhörten
    Süß-Sauer bis Schaf
    Neue Texte aus Berlin
    124 S., Mai 2012,
    9,80 €
    ISBN 978-3-8482-0638-4



    Ausgewählte Bestellmöglichkeiten:

  • Bei “Amazon.de” bestellen
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  • Bei “Buch.de” bestellen
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  • Bei “Thalia.de” bestellen
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  • Bei “Buecher.de”

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    Endlich ist das Buch unserer Lesebühne “Die Unerhörten” nun auch als Ebook im Buchhandel erhältlich.

    JETZT ALS E-BOOK IM BUCHHANDEL

    Süß-Sauer bis Schaf Ebook

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  • Textfeuer der Lesebühnen am 27.04.2013 mit Sebastian T. Vogel

    29. April 2012 | von | Kategorie: Blog

    Am Samstag, den 27.04.2013,, lädt die Studiobühne der „Alten Feuerwache“ ab 20 Uhr zum 18. Teil der megabeliebten, hammerwichtigen, supergenialen Veranstaltungsreihe ein:
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    Einmal im Monat stellen Berliner Autoren verschiedener Lesebühnen sich und ihre Texte vor – ein literarischer Abend in gemütlicher Atmosphäre, zum Zuhören, Nachdenken, Lachen und Genießen.
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    Dieses Mal werden für Sie lesen:
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    Sebastian T. Vogel (Die Unerhörten)
    Werner Lutz Kunze – (Das aktuelle Wortstudio)
    Michael Andre Werner – (Die Brutusmörder)
    Roland Urban – (Kreuzberger Literaturwerkstatt)
    Aleksandra Koluvija – (Literatur Saloon Lunge)
    Eintritt: 0 € / Spenden willkommen

    Feuerwache April 2013

    Studiobühne in der Alten Feuerwache, Marchlewskistraße 6
    10243 Berlin U 5 / Weberwiese
    Karten: 030/4266636
    studiobühne@kulturamtfk.de
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    Normalerweise tagen sie im aktuellen Wortstudio oder im Café Tasso in der Frankfurter Allee. Sie lesen auf Lunge und schreiben non stop, nennen sich Die Unerhörten oder Die Brutusmörder, veröffentlichen ihre Kurzgeschichten in einer Zeitschrift namens Storyatella und deklamieren ihre Werke im Zebrano-Theater oder auf anderen Bühnen dieser Weltstadt. In den Geschichten geht es z.B. um einen Pinguin am Frankfurter Tor, um Fußball und Sowjetpanzer, um Mondschein in der Mainzer Straße, um den Hasen Ephraim oder um die Katze Cremo …
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    Die Rede ist von den berühmten Friedrichshainer Lesebühnen, die so zahlreich sind wie die Graffiti in der Stadt. Die Studiobühne in der Alten Feuerwache lädt ab Oktober zu einem regelmäßigen Leseabenden der Schreibenden und Lesenden, um vor einem erwartungsvollen Publikum das Beste vom Besten zu Gehör zu bringen. Eine Talenteshow vom Feinsten, ein Poetenseminar und literarischer Kessel Buntes, jenseits von Schoßgebeten und Säulen der Erde.
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    Poeten an der Weberweise – Textfeuer der Friedrichshainer Lesebühnen!

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    Rückblick: Unsere Lesung im “Haus Nansen” am 15.04.2012

    15. April 2012 | von | Kategorie: Blog

    Um gleich zu Beginn mal unseren Bundespräsidenten zu zitieren: „Was für ein schöner Sonntag!“

    Am heutigen Sonntag (15.04.2012) folgten Friedhelm Feller-Przybyl, Doris Lautenbach und Mark Scheppert nur allzu gerne der freundlichen Einladung der AWO Berlin Südwest und lasen einen bunten Reigen an Kurzgeschichten im Haus Nansen in Zehlendorf-Mitte.

    Die Lesung war sehr gut besucht, bis zuletzt strömten die Gäste herbei und zusätzliche Stühle mussten organisiert werden. So wünscht man sich das!

    Insgesamt war es eine toll organisierte Lesung vor einem sehr interessierten und aufmerksamen Publikum, die uns richtig viel Spaß gemacht hat.

    Vielen Dank für die Einladung. Die Unerhörten freuen sich auf viele weitere gemeinsame Veranstaltungen!

    P.S.: Beim nächsten Mal können wir sicher auch schon unser erstes gemeinsames Buch präsentieren…

    Anbei noch ein paar Impressionen:


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    Leseabend “Berliner Glas”

    7. March 2012 | von | Kategorie: Blog


    Heute möchten wir noch einmal kurz auf den schönen Leseabend der “Unerhörten” in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen BERLINER GLAS zurückblicken.

    Die Veranstaltung fand am 5.03.2012 im Noyman Miller in Berlin-Friedenau statt und es war ein sehr gelungener Abend (das wurde uns auch schon von einigen Mitarbeitern von “Berliner Glas” bestätigt).

    Neben der Tatsache, dass wir die “auserwählte” Lesebühne waren, möchten wir besonders positiv hervorheben, dass das Unternehmen überhaupt solche kulturellen Veranstaltungen für seine Mitarbeiter organisiert und somit auch das Lesen unterstützt und fördert. Für viele Firmen zählt ja heutzutage schon die Weihnachtsfeier zum kulturellen Highlight des Jahres.

    Foto: Peggy Lange

    Demnach: vielen Dank für die Einladung im Rahmen des Programms “Berliner Glas bewegt” und vielleicht können wir ja mal eine reine “Glaslesung” (inhaltlich) organisieren!

    Unser Lese-Programm sah folgendermaßen aus:

    – Susanne: “Berlin gehört mir”
    – Mark: Intermezzo “Herr Lehmann”
    – Doris: “Indianer”
    – Susanne: Intermezzo “Berlingedicht”
    – Ariane: “Eine eiskalte Geschäftsidee”

    – Doris: “Mops im Grunewald”
    – Ariane: Intermezzo “Morgenstern”
    – Mark: “Möwen aus Ostberlin”
    – Ariane: Intermezzo “Morgenstern 2″
    – Susanne: ” Popcornmörder”

    Die BERLINER GLAS GRUPPE ist eines der führenden Unternehmen in Europa, wenn es um präzise optische Komponenten, optomechanische und elektro-optische Module, Baugruppen und optische Systeme oder hochwertig veredelte technische Gläser geht. Mit diesem Profil entwickelt die Unternehmensgruppe Lösungen für die Halbleiterindustrie, Medizin oder die Messtechnik und Analytik.

    Foto: Peggy Lange

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    Altglas-Mafia

    6. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben


    Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen, nein Monaten wachte ich nun jeden Sonntag gegen 9 Uhr auf, weil irgend so ein Arschloch sein Glas im Hof in den Altglas-Tonnen zerdepperte. Wieder klirrte Glas, doch diesmal reichte es mir und ich sprang auf. Wutentbrannt öffnete ich das Fenster. Ich wollte gerade „Schnauze“ oder „Verpiss dich“ brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: Es schmiss hier niemand seine leeren Pullen in die Container – es wühlte jemand angestrengt darin herum.

    Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß SERO. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den SERO-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg zur Wiedereingliederung zu diesem grauenvollen Job.

    In dem alten ausrangierten LKW-Anhänger direkt an der Büschingstraße stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem SERO-Logo war irgendwann einmal wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden. Unser Mann, Herr Lepro, konnte tatsächlich aus einem Bildband über noch lebende Kinderschänder, Mörder oder Vergewaltiger entsprungen sein. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführten und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von den Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.
    Vorher war unsere Altstoff-Annahme „jwd“, also „janz weit draußen“ gewesen, und als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich.

    Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoff-Mann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben von dem Kleinen. Na gut: ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

    Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesige Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro, unser Monster, des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen SERO-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.

    Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die erzielten Erlöse diversen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen – 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe, die wir von Bommels Bibliothekars-Mutter geschenkt bekommen hatten, unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler. Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände – jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.
    Bommel hatte mir von einem Laden in der Torstraße berichtet, der Fußball-Wimpel von allen Oberliga-Mannschaften für acht Mark verkaufte. Als erstes kauften wir uns beide den von Wismut Aue, weil wir die gekreuzten Hämmer und das große „W“ auf lila-weißem Grund so toll fanden.
    Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: „Haben Sie Altstoffe?“ Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen, und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

    Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle der alte Knacki da nebenher gemacht haben musste.
    Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung. Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metall-Ringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen – es wurde auch mal aufgerundet.
    An einem kühlen Herbsttag – wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet – sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoff-Wagen zu einem dunklen Lada, öffnete den Kofferraum und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: „Na, wat sagt ihr nun, Jungs?“ Der wahrscheinlich freundlichste SERO-Mitarbeiter der Welt strahlte.
    Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel größere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns deutlich klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Die restlichen, endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

    Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: „Die jungen Pioniere kommen am: 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit.“ Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass – die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.
    An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Es war die größte und schwerste Altstoff-Ladung zusammengekommen, die jemals in Berlin gesammelt wurde. Unser Wagen war vollkommen überladen und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.
    Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter „Neuer Deutschlands“ fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.
    Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: „Womit habe ich das alles verdient?“ Zum Glück sagte Bommel energisch: „Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Scheppert.“
    Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

    Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Weltrekord, auch für uns, die legendäre
    „Altglas-Mafia“.
    Schon mit zwölf hatten Bommel und ich prallgefüllte Sparbücher und die Fußball-Wimpel aller Oberliga-Mannschaften – sogar einige aus der 2. DDR-Liga. Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir außer diesen sportlichen Stoffdreiecken davon überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam – vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und SERO. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den „Herrn der Altstoffe“ sah ich im Leben nie wieder.

    Vor einer Woche war es wieder einmal soweit. In unserer Küche stapelten sich kiloweise Papier, reichlich leere Rotweinflaschen, über 50 Bierpullen und allerlei Plastikgelumpe des Coca-Cola-Konzerns. Seit einigen Jahren hat sich die Mülllandschaft gründlich geändert. Auf fast jedem Hinterhof gibt es mittlerweile Papier- und Flaschencontainer. Selbst Pappe und Plastikwaren können wir trennen und in eine scheinbar grüne Welt zurückbefördern. In den Tonnen meines Hauses wühlt sonntags noch immer diese ältere Frau auf der Suche nach versehentlich entsorgten Bier-, Wasser- und Fantaflaschen.

    Doch von mir wird sie leider nichts finden. Ich lud mein Leergut in insgesamt 5 große Tüten und machte mich auf den Weg zu REWE. Dort gibt es keinen hilfsbereiten Herrn Lepro. Ein hochmoderner Automat schluckt das Leergut, sogar ganze Bierkästen. Auf Knopfdruck erhält man am Ende einen Bon und an der Kasse das Pfandgeld. Vor mir und der Maschine standen lediglich zwei andere Leute. Nachdem das junge Mädchen etwa die Hälfte ihrer Flaschen in den rotierenden Automaten gesteckt hatte, blieb das Ding plötzlich stehen. Nichts rührte sich mehr und nach mehrmaligem Ermuntern rief der verpickelte Typ an der Kasse endlich ins Mikrofon: “Herr Egner bitte einmal zum Pfandautomaten.”

    Herr Egner ging in den Raum hinter dem Automaten. Da er die Tür hinter sich nicht schloss, konnten wir sehen, dass das riesige Förderband komplett mit leeren Flaschen gefüllt war. Das Faszinierende: Das Band musste so oder so manuell geleert werden, also nicht nur im Fall einer Havarie. Wahrscheinlich war Herr Egner sonst immer in diesem Raum und füllte leere Kästen mit Flaschen, die auf seiner Seite aus dem Automaten kamen. Diesmal brauchte er ca. 20 Minuten bis er Bescheid gab, dass es weitergehen konnte. Entnervt drückte das Mädel irgendwann auf den Bon-Knopf und nickte dem Typen vor mir zu. Der hatte einen riesigen Sack mit verschiedenen Plastikflaschen dabei. Einige dieser Wasserpullen nahm der Automat offenbar nicht an, doch er versuchte verzweifelt, jede einzelne mindestens acht Mal in die Öffnung zu schieben. Dort rotierten diese minutenlang bevor der Automat acht Mal das gleiche Ergebnis anzeigte: Flasche nicht erkannt.

    Hinter mir standen mittlerweile sicher 15 Leute und nicht wenige davon hätten den Kerl am liebsten erwürgt, bis dieser endlich seinen Bon zog. Zur Freude aller lief bei mir alles glatt, die Flaschen wurden erst vom Automaten und dahinter von Herrn Egner erkannt, entgegengenommen und wenn nicht, warf ich sie lässig in den Müllcontainer. Nach geschlagenen 30 Minuten Wartezeit hatte ich meinen Zettel über 2,48 € in der Hand. Ich schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken oder zumindest nie wieder Flaschen bei einem Automaten abgeben würde.
    An den zweiten Vorsatz habe ich mich bis jetzt gehalten.

    Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens von Mark Scheppert

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    Mark Scheppert bei tv.berlin im frühcafé

    20. January 2012 | von | Kategorie: Blog

    Am Dienstag, den 24.01.2012, bin ich beim Frühcafe von “tv.berlin” eingeladen.

    Mit der Moderatorin Sarah Maria Breuer spreche ich zwischen 5.30 und 8.00 Uhr über mein Buch “Alles ganz simpel” und über meinen Großvater ohne den dieses Werk ja nicht zustande gekommen wäre.

    Also einfach mal einschalten!

    Okay, hier im Nachgang noch das Video von der Sendung, die ich selbst natürlich nicht live verfolgen konnte. Es war ziemlich früh, ich war ganz schön müde, aber es hat Spaß gemacht! Die Moderatorin und ihr Team waren außerdem sehr angenehm.

    Frühcafé-Talk mit Mark Scheppert (24.01.2012) – TV Berlin Video
    Eine Kindheit und Jugend in Breslau während der Weimarer Republik und in Hitlers Reich. Einen mörderischen Weltkrieg und die Kriegsgefangenschaft. Die Gründung und den Aufbau der DDR vom Mauerbau bis zum Mauerfall. All das hat Horst Schubert miterlebt und später seinem Enkel erzählt. Unter einem Pseudonym verfasste dieser das Buch „Alles ganz simpel“ um den Weg vom Hitlerjungen in Schlesien bis hin zum Alterspräsidenten der Linken in Marzahn-Hellersdorf zusammenzufassen. Heute morgen ist der Autor Mark Scheppert zu Gast.

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    Susanne am 12.01.2012 im Radio

    10. January 2012 | von | Kategorie: Blog

    246Am 12.01.2012 ist unsere Susanne ab 21 Uhr im Offenen Kanal (92,6 MHz – Kabel Deutschland, oder www.alex-berlin.de) in “Auslesen – Die Sendung mit den Sumpfblüten” von Max van der Oos eingeladen worden und dort eine Stunde lang zu hören. Nein, sie ist natürlich nicht aufgeregt…Also bitte unbedingt einschalten und mitfiebern!

    Info:
    Lesebühnen erfreuen sich im deutschsprachigen Raum immer größerer Beliebtheit.
    Da Berlin wohl die ältesten und bekanntesten Lesebühnen von ganz Deutschland hat und ein dementsprechend zahlreiches Publikum, will die Sendung “Auslesen” einen Überblick über die Berliner Leseszene geben, aber auch weniger bekannten Schreibern eine Chance bieten, sich und ihre Texte darzustellen.
    Auslesen lädt bekannte und weniger bekannte Autoren ins Studio ein, damit diese über ihre Texte und ihr Leben reden können.

    Oder hier klicken

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