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Ariane Meinzer: Das kleine Gespenst und die große Liebe

15. November 2017 | von | Kategorie: Leseproben

Kürbisse kleinEs war einmal ein kleines Gespenst, das war viel zu klein, um irgend jemandem Angst einzujagen. Es war sogar so klein, dass selbst die Katzen, Hamster, Meerschweinchen und auch die Frösche ihre Brillen aufsetzen mussten, um es überhaupt zu sehen. Das kleine Gespenst litt ganz fürchterlich darunter und weinte jede Nacht ganz bittere Tränen, wenn es wieder spuken musste.

Zu seinem großen Glück hatte das kleine Gespenst aber vor c.a. 400 Jahren in einem Discount für Geisterzubehör einen Satz ganz toller Ketten zum Rasseln erworben. Damit konnte das Gespenst prima Lärm machen und wenigstens auf diese Weise auf sich aufmerksam machen. Leider waren die Ketten für deutlich größere Gespenster, Dämonen und Vampire gemacht und für das kleine Gespenst um einiges zu groß und zu schwer. Nur unter Mühen konnte es die schweren Ketten hinter sich her schleifen und kam dadurch meistens zu spät zu Spukverabredungen. Es war dann immer ärgerlich, wenn es hieß: „Tja, die anderen waren schon vor 32 Jahren hier- da bist du jetzt ein bisschen zu spät dran- vielleicht klappts ja beim nächsten mal besser.“

So vergingen die Jahrhunderte und für Gespenster wurden die Zeiten immer schlechter. Das 20. Jahrhundert war viel zu laut und zu grell, um den Geistern noch Raum für Spuk und Graus zu lassen. Die Ketten des kleinen Gespenstes waren jeweilen stark angerostet und wenn es damit rasselte, wurde der schaurige Klang übertönt von wummernden Stereoanlagen, lauten Fernsehern, dem Straßenlärm oder Computerspielen.

Frustriert und total deprimiert suchte das kleine Gespenst einen Therapeuten für labile Geister auf. „Was ist mein Daseinszweck, wenn mich nicht nur keiner sieht, sondern auch keiner hört und die Menschen sowieso nur noch Angst vor den Börsenkursen haben?“ „Hm, hm“ brummelte der Therapeut immer mal, denn dafür wurde er bezahlt. Nach der 13. Sitzung nuschelte er „So, so“ und ab der 31. kam nur noch ein „aha, aha!“. Das kleine Gespenst war im Verlauf der Therapie nicht glücklicher geworden, freute sich aber immerhin darüber, dass jemand ihm zuhörte und das sogar ohne die blöden Ketten und das obligate Gewimmere und Gejaule, das sonst verlangt wurde von Gespenstern.

Gegen Ende der 62. Sitzung war es endlich soweit. Der Psychologe rückte zugleich mit Diagnose und Therapie raus: „Sie brauchen Liebe, mein Bester. Kein Gespenst kann für die Ewigkeit- und mit der müssen Sie ja wohl leben- ohne die Liebe bleiben. Sie sollten sich also mal umschauen, welche Dame oder welcher Herr (verschmitztes Zwinkern) wie Sie gerne mal herumspukt, die Nacht besser als den Tag findet und ihr Herz unter dem Laken in Wallungen bringt. Da wünsche ich Ihnen jedenfalls viel Glück bei der Suche und die Rechnung für die Therapie geht Ihnen dann in etwa 200 Jahren zu.“

Voll von amourösem Tatendrang rauschte das kleine Gespenst von dannen und ward fortan ein Stammgast bei allen Halloween-Singleparties, hing in Gruftie-Bars herum, tanzte auf allen Burgfesten, doch das Herz wollte so recht keinen Ankerplatz finden. Eines nachts jedoch rauschte das kleine Gespenst mit einem ziemlich dicken Kater (er war schwarz, hieß Erwin und das Gespenst hatte ihn auf einer Hexenparty kennen gelernt) durch die Gegend. Überdrüssig der vielen Feierei wollte es einfach mal wieder so richtig schön spuken gehen. Und wenn es dabei nur die Mäuse und Kakerlaken in den leeren Häusern erschrecken konnte. Egal. Es wollte spuken, denn es hatte das arge Gefühl, dass es nicht für den großen Glamour und die mondänen Geisterfeste geschaffen war.

Auf dem Weg zu einem Spukhaus, in dem ein paar Bekannte von ihm regelmäßig abhingen kam unser kleines Gespenst an einem geheimnisvollen Laden vorbei. Es konnte nicht genau erkennen, was dort feilgeboten wurde, doch im Fenster strahlte ihm mit dem süßesten breiten Lächeln ein wunderwunderwunderschöner Kürbiskopf entgegen. Seine Augen leuchteten wie die Sterne und der Glanz, der ihn umgab versetzte das kleine Gespenst in Extase. So ein wundervolles Wesen hatte es ja noch nie gesehen und es blieb wie festgenagelt vor dem Schaufenster stehen. Erwin zuppelte am Zipfel des Bettlakens, das das kleine Gespenst selbst nach 800 Jahren noch topmodisch fand. „Ey, nun komm schon. Die anderen warten und du weißt ja, dass du mit deinen ollen Ketten eh immer ein bisschen brauchst. Wenn wir zu spät kommen, ist es wieder Essig mit dem schönen rumspuken“

„Nein“, sagte das kleine Gespenst „ich bleibe hier. Ich habe noch nie so ein schönes Antlitz gesehen und möchte doch zu gerne die Nacht vor diesem Fenster stehen und traurig-romantische Geisterlieder singen. Vielleicht erhört mich ja dieses entzückende Mondgesicht, dessen Lippen mir zurufen `komm, du kleine Gespenst, sei mein Schatz für diese Nacht!`“. Mit einem entrückten Lächeln schwebte das kleine Gespenst durch die Scheibe des Gemüseladens und kuschelte sich an den Kürbiskopf.

Resigniert trabte Erwin von dannen und nahm sich fest vor, das kleine Gespenst von der Liste seiner Freunde wegzustreichen. Was sollte er denn auch mit einem liebestollen Geist, der beim erstbesten Wesen mit Glanz in den Augen die Freundschaft und alles, was wirklich wichtig war vergaß. Erwin hatte noch ne Menge Spaß in dieser Nacht und die Ratten hatte ihre Spukration so kräftig abbekommen, dass sie schreiend und fluchtartig das alte Haus verließ. Zufrieden stieß Erwin mit seinen Kumpeln an und war vor Morgengrauen schon viel zu betrunken, um noch an das kleine Gespenst zu denken.

So vergingen die Nächte, die Wochen, die Jahre. Erwin bekam schon die ersten grauen Haare, da er bei der Vergabe der Ewigkeit an Spukgestalten nicht laut genug „HIER“ gerufen hatte und seine Lebenserwartung somit nur schäbige 530 Jahre betrug. Und er war halt der Typ für graue Schläfen in jungen Jahren. Er langweilte sich im Grunde ganz furchtbar und wusste im tiefsten Innern, dass ihm sein guter Freund, das kleine Gespenst schrecklich fehlte. Also machte er sich auf, den Laden wiederzufinden, in dem er das Gespenst seiner großen Liebe überlassen hat. Nach langer Wanderschaft entdeckte er endlich das Geschäft und tatsächlich leuchtete ihm der Kürbiskopf entgegen. So schnell die Pfoten trugen stürmte er in den Laden und suchte nach seinem Freund. Vergeblich. Kein Gespenst, nirgends. Er jaulte und maunzte so laut er konnte. Der Kürbiskopf lächelte weiter geheimnisvoll und sagte kein Wort. Auch die Mäuse, die zwischen den Kartoffelkisten hin und her huschten schüttelten nur traurig ihre Köpfe und sagten nichts.

Irgendwann jedoch hörte Erwin ein leises Schluchzen. Das war so leise, dass er sein Hörrohr hervor kramen musste, um genau zu orten, wo denn dieses Geräusch her käme. Tatsächlich entdeckte er ein weißes Häufchen neben dem Kürbis, das noch kleiner und fadenscheiniger war, als er das kleine Gespenst in Erinnerung hatte. „Ich bin so uuuunglücklich“ schniefte das inzwischen winzige Gespenst in das Hörrohr hinein. Dem armen Erwin quoll das Herz über vor Mitleid, ihn in so einer Verfassung anzutreffen. „Ich dachte, du hättest die große Liebe gefunden?!“

„Ach was, ja, nein- doch, äh- ja, das hatte ich ja auch geglaubt, aber nachdem unsere Beziehung eigentlich ganz gut gestartet ist, hat sich mit der Zeit rausgestellt, dass der Kürbiskopf ganz furchtbar borniert und dumm ist. Der kann nix als nur gut aussehen und irgendwie sehr sexy mit den Augen leuchten, aber glaube nicht, dass da mal ein gutes Gespräch oder eine gemeinsame Unternehmung drin ist. Nein- der sitzt seit Jahren auf seinem blöden Hintern und glotzt anderen Gespenstern hinterher und ich muss immer gute Miene dazu machen. Die Mäuse machen sich total lustig über mich und der olle Kürbis sagt nichtmal ein einziges liebes Wort- gar nichts. Furchtbar. Warum habe ich nicht ein einziges mal wirklich Glück im ewigen Leben?“

Da nahm der Kater Erwin das kleine Gespenst ganz sanft in seine Pfoten und drückte es aus ganzer Freundschaft. Mit einem leisen Schniefen kuschelte sich das Gespenst in das Fell des Katers und blickte verstohlen zum Kürbis hin. Der grinste einfältig. „Weißt du was, Erwin? Ich glaube, der Kürbis ist ein ganz großer Dummkopf und ich habe soooo lange gebraucht das zu merken.!“ Da schaute sich Erwin den Kürbis mal genauer an und tatsächlich- er war total hohl. Da war nichts drin- nur eine Kerze, die für das schöne Leuchten der Augen sorgte.

Das kleine Gespenst packte seine 7 Sachen zusammen, die eigentlich nur aus seinen Ketten bestanden. Im tiefsten Gefühl der Freude und Verbundenheit ging es mit Erwin hinaus in die weite Stadt. Auf zu neuem Spuk und mit ganz viel Freundschaft im Herzen. Und es nahm sich für alle Ewigkeit ganz fest vor, sich nie wieder von Hohlköpfen blenden zu lassen!

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Ariane Meinzer “Ohne Wenn und Aber”

15. June 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Aus der rudimentären Enzyklopädie der deutschen Sprichwörter und Redensarten: O wie „Ohne Wenn und Aber“

Hans-Peter „Hansi“ Bolle, der Präsident des Fußballklubs Hertha BSC kippte beherzt die 11. Molle mit Korn dieses Abends. Wenigstens beim Saufen konnte ihm niemand das Wasser reichen und wenn es denn doch einer tat, so lehnte er dankend ab- was sollte er mit Wasser, wenn es im Vereinsheim des Hauptstadtclubs noch volle Bierflaschen gab.

Wehmütig erinnerte sich Bolle an die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern über die Zeiten, als die Hertha noch in der 2. Bundesliga spielen durfte. Seine Oma Bertha behauptete sogar, dass der Berliner Traditionsverein auch mal kurzzeitig in der 1. Liga gespielt hatte, aber diese unsinnige Behauptung führten alle in der Familie Bolle auf Oma Berthas stringenten Konsum von Korn ohne Molle zurück.

Inzwischen verblassten in Berlin sogar die Erinnerungen an den einstigen Ruhm und 9 von 10 auf der Straße befragten Berlinern wussten nicht einmal, dass es die Hertha noch gab. Aber Hansi Bolle wusste es besser und wollte es noch einmal mit seiner Mannschaft  unter Trainer Spiegel versuchen. Natürlich spielten sie nur in der Kiezliga und natürlich war dies der absolute Tiefpunkt ,aber ebenso natürlich konnten seine Jungs jetzt frei von jeglicher Angst vor dem Abstieg spielen, denn unter der Kiezliga gab es einfach garnichts mehr, die Hertha saß mit dem blanken Hintern auf dem knallharten Boden aller Tatsachen und konnte nur noch tiefer fallen, wenn sie es fertig brachte, ein tiefes Loch in den Boden des Olympiastadions zu buddeln. Dass Bolle seinen Spielern eine Zeitlang sogar DAS zugetraut hatte war ein Kapitel in einem ganz anderen Buch, das er zum Glück neulich auf der Tribüne des 1. FC Mäuseberg liegen gelassen hatte. Hastig stürzte Hansi bei dem Gedanken an das Spiel in Mäuseberg den Doppelkorn einfach runter. Nach dem 0:23 lief der letzte bis dato verbliebene Fan der Hertha Amok und versuchte, Bolle und Spiegel mit seinem lumpigen Fanschal zu erwürgen. Die Mannschaft konnte zu dem Zeitpunkt nicht zur Hilfe eilen, da sie weinend und bettelnd hinter den Mäuseberger Kickern her rannte und versuchte, diese zum Trikottausch zu bewegen. Zum Glück waren Hansi und sein Trainer fitter als das Gros der Mannschaft und konnten souverän aus dem Stadion flüchten.

Wenn der Präsident die Lage seiner Mannschaft mal nüchtern betrachtete, was angesichts eines gleichmäßigen Flusses von Molle und Korn selten vorkam, so trug die einstige Hoffnung des Vereins, nämlich Trainer Till Spiegel, aufgrund der übergroßen Nerd-Brille auch Eule genannt eine maßgeblich Verantwortung für den aktuell allerletzten Platz in der Kiezliga. Als Spiegel in der vorletzten Saison 2019/2020 seine Arbeit aufnahm, spielten sie immerhin noch in der 2. Regionalliga und es bestand Hoffnung, sich dort dauerhaft im guten Tabellenmittelfeld zu etablieren.

Vielleicht wurde der Grundstein zum totalen Niedergang gelegt, als Spiegel seine Jungs in einer flammenden Motivationsrede am ersten Trainingstag dazu aufgefordert hatte, künftig voll und ganz hinter ihm zu stehen. Eifrig nickten die Kicker und erschienen am Folgetag randvoll mit Alkohol abgefüllt zu Training, der Außenverteidiger Knorke zerrte eine empört schnatternde Gans hinter sich her. Die handverlesene Standpauke des Trainers beeindruckte niemanden wirklich, ein paar Spieler schüttelten verwirrt und ohne Schuldbewusstsein den Kopf, schließlich fragte Knorke lallend, was denn der Herr Trainer habe, die Mannschaft stünde schließlich voll und mit Gans hinter ihm.

Das Training fand an dem Tag statt, musste aber vorzeitig abgebrochen werden, da sich ein Mittelfeldspieler ausgiebig über der angeleinten Gans übergab, welche dann aus Frust den einzigen Ballzauberer der Mannschaft, Stürmer Max Mops in die Waden biss. Angesichts des bedenklichen Alkoholkonsums in Verbindung mit dem Gänsebiss litt Mops dann auch an folgerichtig an chronischer Gänseleber und musste gesundheitsbedingt die Mannschaft verlassen. Es sollte nicht der letzte Abgang sein.

Doch erstmal durchlitt die noch fast vollständige Mannschaft eine beschämende Niederlage nach der anderen. Heimspiele, Auswärtsspiele, völlig egal. Bolles Jungs krochen matt über das frische Rasengrün und starrten apathisch auf den Ball, der anscheinend magnetisch von ihrem Tor angezogen und dauerhaft darin versenkt wurde. Es gab Spiele, da befand sich der Ball zu keinen Zeitpunkt im Besitz der Hertha und die Lust, weiterhin vergeblich hinter dem Leder herzujagen verging den Spielern mehr und mehr und als irgendwann der Linksaußen Pierre Kalinowski ein Skatspiel zückte, war kein Halten mehr- sollte sich doch die gegnerische Mannschaft alleine abrackern!

Bolle und Spiegel holten sich den Rat eines Spotmediziners und nach einem flüchtigen Blick auf die Mannschaft, die gerade in trauter Harmonie Primeln auf dem Spielfeld pflanzte kam Professor Schießer zu der eindeutigen Diagnose, dass alle miteinander unter heftigem Ballfieber im Endstadium litten. Abhilfe tat Not, war aber nicht in Sicht, da die Krankheit unter Kennern der Materie gemeinhin als unheilbar gilt und im Endstadium zum vollständigen Wahnsinn und/oder Verlassen der Mannschaft zu horrenden Ablösesummen führt.

Als erster erreichte der Kapitän Iglo dieses Stadium, der dann für eine stolze Ablösesumme von 5 Portionen Pommes mit Mayo zu Fischstäbchen United wechselte. Ihm folgten wenige Tage später Kalinowski und Müller, die ein vielversprechendes Angebot aus Madagaskar erhalten hatten- zumindest interpretierten sie so die Ansage ihres Trainers, sie sollten doch hingehen, wo der Pfeffer wächst. In Madagaskar spielten sie dann sogar recht erfolgreich in der Nationalmannschaft und schickten Bolle und Spiegel regelmäßig gelbe Karten von diversen Turnieren.

Tja- das war jetzt alles auch schon wieder eine Zeit her und von der gesamten Mannschaft waren Bolle nur noch der Torhüter Siggi Wenn und ein äußerst dürftiger Stürmer namens Heiner Aber geblieben. Morgen stand nun das Lokalderby gegen den 1. FC Union in der alten Försterei auf dem Plan. Die Union, schon lange strahlender Stern in der 1. Liga hatte der Hertha dieses Spiel angeboten und der DFB lobte aus Mitleid mit dem blauweißen Traditionsverein eine Rückkehr in die 1. Liga aus, falls die Hertha dieses Spiel gewinnen sollte.

Für Bolle war schon jetzt klar, dass es die endgültige Hinrichtung seines Vereins sein würde, denn das Ballfieber hatte auch Wenn und Aber so dramatisch geschwächt, dass er aus Verantwortung für seine beiden letzten Fußballer einen Einsatz nicht zulassen konnte. Er musste also ohne Wenn und Aber spielen, ergo ohne auch nur einen einzigen Spieler auf dem Feld. Wenn also Union pro Spielminute 3 Tore schaffte, dürfte die Partie für die Hertha ungefähr mit 0:270 ausgehen. Das wäre dann ein Spielergebnis, das selbst Hansi Bolle nicht mehr schöntrinken konnte. Von dieser Erkenntnis ernüchtert zahlte der Manager seine Zeche und schlich nach Hause, um vor dem mutmaßlich letzten Spiel seiner Laufbahn noch ein paar Mützen Schlaf zu nehmen.

Drei Tage später, als der Presserummel um den kometenartigen Aufstieg von Hertha BSC aus der Kiezliga in die 1. Bundesliga von Hysterie hin zu andauernder Begeisterung abgekühlt war, saßen Bolle und Trainer Spiegel bei einem leckeren Katerfrühstück mit sauren Gurken und Rollmöpsen zusammen. Spiegel grinste trotz der üblen Kopfschmerzen, klopfte Bolle zum hundertsten Mal auf die Schultern und lallte: „Alter Schwede…Hansi, Mensch..ick fass es immer noch nich. Da hat det Ballfieber doch die Union echt noch übler erwischt als uns-228 Eijentore bei nur 19 Treffern in unser Tor. Dann doch lieber janz ohne Spieler uffm Feld als mit dem Haufen armer Irrer, wa?! Wirtin, zwee Bier! Auf die erste Liga, Hansi! Und zwar ohne Wenn und Aber!“

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Unser Film des Monats: “Wer ist Hanna?”

3. June 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Kapitalistenschaf ist ja an sich ein Kinomuffel. Zu unbequeme Sessel, zuviele nervige Menschen, die mit XXL- Popcorntüten krümeln und rascheln, als sei das der alleinige Grund des Kinobesuches. Zudem zuwenige Freiheiten, mal angemessene Kommentare zu blöken. Kann ich absolut verstehen, da wir erst neulich in hohem Bogen aus dem Cinemaxx flogen, als das Schaf beim Film “Wasser für die Elefanten” schon nach 15 Minuten unruhig wurde und in Abständen von wenigen Minuten immer wieder lauthals schrie: “Wann beißt der blöde Vampir denn endlich zu?… Nun mach schon, Du Weichei!”

Trotzdem konnte ich das Schaf überreden, mit mir in ein Lichtspielhaus zu gehen, in dem wir noch kein Hausverbot haben, um uns “Wer ist Hanna?” anzusehen. Als ultimativen Köder warf ich die Tatsache aus, dass die Hauptdarstellerin Saoirse Ronan irische Eltern hat und mit Irland kriege ich das Schaf zu fast allem rum. Sogar zu dem Schwur, diesmal keine Skandälchen zu provozieren. Schön brav trabten wir also ins Kino und siehe da- das Schaf saß über die volle Länge des Filmes mit offenem Maul da und war fasziniert, berührt, gespannt und fieberte so stark mit, dass ich ihm hinterher noch eine Paracetamol verpassen musste, damit es wieder auf Betriebstemperatur runterkühlen konnte.

In dem auch nach meiner bescheidenen Meinung nach herausragenden Film geht es um ein junges Mädchen, das in den Wäldern Finnlands von seinem Vater darauf vorbereitet wird, eines Tages gleichermaßen Jägerin und Gejagte zu werden, um eine Agentin des CIA zu besiegen, die sowohl Vater, als auch Tochter nach dem Leben trachtet. Also beginnt der Film in einer Wüste aus Schnee und begleitet seine Heldin auf einer visuell wie dramaturgisch großartigen Verfolgungsjagd über Tunesien zurück nach Europa, um zu einem beklemmenden Showdown im Spreepark in Berlin anzukommen.

“Wer ist Hanna?” begeistert als gelungener Thriller, der zugleich Arthouse-Kino vom Feinsten zu bieten hat und vor allem eine Hauptdarstellerin, die so gut spielt und soviel Charakter ausstrahlt, dass man dem Film die ganz wenigen Ungereimtheiten  und Längen sehr, sehr gerne verzeiht.

So- und jetzt muss ich dem quengelnden Schaf klar machen, dass es den Film noch nicht auf DVD zu kaufen gibt. Nervensäge…

Den Trailer gibt es hier: http://www.kino-zeit.de/filme/trailer/wer-ist-hanna

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Kulturfest fürs Schaf- Die Weber im DT

15. April 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Kapitalistenschaf wollte es wissen: wie gehen die Berliner Sprechtheater mit schafspezifischen Stücken um? Nach Sichtung der Spielpläne fiel die Erstauswahl auf die Weber im Deutschen Theater. Schließlich ist die industrielle Verarbeitung von Wolle von großem Interesse für gesellschaftspolitisch gebildete Schafe. Also quetschten wir uns in die für Schafe deutlich zu schmal bemessenen Reihen des DT und wurden schonmal von dem Bühnenbild beeindruckt und auch ein wenig eingeschüchtert- wie eine Mischung aus einem übergroßen Webstuhl und einer puristischen Showtreppe ragten steile Stufen bis hoch an den Bühnenhimmel. Die Schauspieler agierten über knapp 2 Stunden je nach sozialem Status ihrer Rolle auf den unterschiedlichen Stufen, die Gesichter immer dem Publikum zugewandt. Symbolischer Holzhammer, damit jeder kapiert, dass hier die soziale Leiter, das OBEN und UNTEN im Mittelpunkt steht? Nein, fanden wir. Die Weberaufstände 1844 in Schlesien als Stoff eines Stückes, noch dazu in einer schwer für heutige Menschen- und Schafsohren verständlichen Mundart- das ist grundsätzlich ein Sujet, bei dem man sich auf emotionale wie politische Großsymbole und Botschaften gefasst machen muss.
Das Schaf und ich waren uns einig, dass dem Regisseur Thalheimer mit der Idee der Treppe und dem frontalen Sprechen zum Publikum eine großartige Mischung aus Emotionalisierung und Abstraktion gelungen ist. Der Text wurde gekürzt, so dass das revolutionäre Drama kaum länger als ein Spielfilm dauerte. Mit der Mundart hatten wir beide immer mal wieder Probleme, hörten uns jedoch ganz gut rein in diese fremd und fern scheinende Sprache. Das Schaf war voller Bewunderung für die Schauspieler, die sich durch den Text ebenso souverän bewegten wie sie es auf der steilen, sicher nicht ungefährlichen Treppe taten.
Unser Fazit: empfehlenswert. Anmerkung vom Schaf: super, aber enttäuschend wenig über Wolle in dem Stück. Über die Ausbeutung von Schafen sogar garnichts. Minuspunkt!
Deshalb hat es den Wunsch geäußert, als nächstes im Gorki die Glasmenagerie zu sehen- es hätte gerüchteweise gehört, dass es da um amerikanische Glasschafe geht. Tja- ob die Gerüchte stimmen und wie es uns da gefallen, das erfahrt Ihr demnächst- doch schon jetzt sei verraten: es war unerhört gut!

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“Rusalka” oder “Ein Schaf wittert Opernluft!”

28. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Schaf hat leider über den Winter ordentlich Sitzfleisch zugelegt und besteht seit Wochen darauf, weniger Sport und mehr Sessel-betonte Kulturveranstaltungen zu absolvieren. Aus gesundheitlichen Gründen wäre ich ja doch eher für Jogging durch den Volkspark Schöneberg (das Schaf joggt, ich feuere es an!), aber was will ich machen- das Vieh ist stur und so musste ich wohl oder übel als Begleitung mit in die Oper und ins Theater.
Zunächst die Oper: das Schaf bestand auf der Komischen Oper, weil es endlich mal wieder ordentlich lachen wollte. Alle Einwände waren vergebens, es glaubte mir einfach nicht, dass es da selten komisch zugeht. Also sahen und hörten wir RUSALKA, die bekannteste Oper des als Opernkomponist wenig bekannten Anton Dvorak. Rusalka basiert auf dem tragischen Mythos der Meerjungfrau, die sich in einen Menschen verliebt und um seinetwillen zur Menschenfrau wird, allerdings unter dem Fluch, niemals sprechen zu können und vor allem nicht zurückkehren zu dürfen, falls die Liebe unerwidert bleibt. Im Gegensatz zu den frohsinnigen Opern eines Mozart geht die Geschichte fast übermäßig tragisch aus und Dank der wundervollen, in jeder Hinsicht bezaubernden Interpretation des Regisseurs und seines Ensembles zerfloss das Schaf am Ende in Tränen.
Die Kraft der Bilder, die lyrische Musik und vor allem die schauspielerisch überzeugende Leistung der Sängerinnen und Sänger hat auch für mich den Abend zu einem großen Erlebnis gemacht, das ich allen Theater- wie Musikfreunden nur warm, wärmer, am wärmsten empfehlen kann.
Zum Theater sei gesagt, dass das Schaf unbedingt mal was über die Weiterverarbeitung seiner Wolle lernen wollte und wir daraufhin in die „Weber“ von Gerhard Hauptmann ins Deutschen Theater gegangen sind. Wie es uns dort ergangen ist, berichten wir in Kürze an gleicher Stelle und auf gleicher Welle! Mäh!

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Schluss mit schaflosen Leseabenden!

9. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Kapitalistenschaf steht gerade vor meinem Bücherregal und meint, ich solle doch einfach alle Bücher wegschmeißen, aber dieses eine von Ian Sansom (” So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz”) nicht nur behalten, sondern bitte auch sofort und allerwärmstens empfehlen.
Der erste Teil der Ansage zeugt von tierischer Ignoranz, der zweite Teil ist soweit OK, daher lege ich allen, die die Nase von Serienkiller-Terror-Geheimdienst-Blutbad-Krimis haben den etwas anderen Krimi aus der nordirischen Provinz Tumdrum ans Herz. Wer schlaflose Nächte, nervöses Liderzucken noch Tage nach der Lektüre erwartet, weil das Buch so immens spannend ist- der (oder die) liegt glasklar falsch. Natürlich gibt es eine Art Krimihandlung, bei der der Inhaber eines Kaufhauses am Rande der Welt verschwindet und mutmaßlich Opfer einer Entführung geworden ist. Natürlich gibt es Polizei und vor allem einen Verdächtigen, nämlich den Bibliothekar der fahrenden Bücherei, Israel Armstrong.
Dennoch geht es Sansom, der zumindest äußerlich mit seinem freakigen, liebenswerten Helden Armstrong Ähnlichkeit hat nicht um das Who done it?, sondern um ein witziges und dabei gemütlich erzähltes Porträt des Lebens und der Leute in Irlands hohem Norden. Eine wunderbare Lektüre für Leser mit Vorlieben für verschrobene Charaktere und natürlich für alle Freunde der Grünen Insel. Allein die Erwartungen der Schaffreunde werden eher enttäuscht- selbst für einen Preis als beste Nebendarsteller reicht es nicht, da sie höchstens mal durch Lokalkolorit hüpfen. Aber das verrate ich jetzt dem Kapitalistenschaf besser nicht, sonst will es auch noch dieses Buch wegwerfen!

"Cover Ian Sansom So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz"

Piper TB, 8,95 €

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Schlagzeilen von Ariane Meinzer

7. March 2010 | von | Kategorie: Leseproben

Beitrag zum Erzählwettbewerb des Berliner Tagesspiegels im Frühjahr 2009, Thema ZEITUNG. Bereits veröffentlicht über www.tagesspiegel.de

Schlagzeilen

Wie jeden Morgen verkleidete ich mich auch an diesem Tag als glücklicher Mensch. Die Kunst der Verkleidung hatte ich über viele Jahre zu einer Vollendung gebracht, die mich selbst manchmal beängstigte. Doch die anderen Menschen mögen eben nur die Glücklichen, die Schönen und diejenigen, deren Existenz voller guter Schwere, fester Bedeutung ist- so, wie man die herbstschweren edlen Weine mag und weiß, dass man etwas Besonderes genießt.

Da mein Leben aber das Gegenteil von Bedeutung hatte und nichts in mir Größe oder gar Glück enthielt, versteckte ich mich viele Jahre zunächst unter den anderen Gescheiterten, denn von uns gibt es so viele. Vielleicht zu viele, vielleicht zu wenige, für mich aber zumindest genug, um mich dort wegzuducken vor den Blicken der Menschen von Wichtigkeit.
Später aber entdeckte ich die Möglichkeit, das Wesen der Glücklichen und Bedeutenden perfekt zu imitieren und damit aus der Menge der Nichtigen in die Menge der Teilhabenden zu wechseln, um letztlich auch dort

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Ariane Meinzer

13. February 2010 | von | Kategorie: Vorleser

(Alter unklar, mental irgendwo zwischen infantil und altersweise stehen geblieben) hat es als Buchhändlerin gelernt, die Menschen mit dem Grundnahrungsmittel Literatur zu versorgen. Für den Fall, dass es wider Erwarten mal zu einem Mangel an diesem kostbaren Gut kommt, schreibt sie seit ein paar Jahren selber Geschichten, garantiert gentechnikfrei und meistens absurd- was nicht wundert, da sie schon früh von Gogol an der Nase herum geführt wurde und viele Jahre Spezialistin für Kinder- und Jugendliteratur war. Heute arbeitet sie in der Politik, ohne dass ihr Schreibstil darunter gelitten hat, wie ihre Weggefährten beteuern.

Kontakt: ariane@die-unerhoerten.de

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