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Lange Nacht der Bibliotheken

16. May 2011 | von | Kategorie: Blog

Im Rahmen der 1. “Langen Nacht der Bibliotheken” lesen DIE UNERHÖRTEN neben Vertretern weiterer Lesebühnen aus Friedrichshain und Kreuzberg. (Mit dabei: Die Unerhörten, Die Brutusmörder, Literatursaloon LUNGE, Das aktuelle Wortstudio, Kreuzberger Literaturwerkstatt, Die Wortfechterinnen von Avantgarden und der Theaterkapelle).

Wann: 08.06.2011, 20.00 – 23.00 Uhr

Wo: Bezirkszentralbibliothek
Friedrichshain-Kreuzberg
Frankfurter Allee 14a
10247 Berlin
Tel. 90298-5732

Eintritt frei!

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Unerhörtes Schaf auf der Buchmesse gesichtet

20. March 2011 | von | Kategorie: Blog

 

Die Aufregung wächst. Vom Hauptbahnhof Lääpsch aus fährt der Unerhörte mit einer Tasche voller ungehobener literarischer Schätze gen Messegelände. Leider ist die Straßenbahn so von Messebesuchern und Schulkindern (Wandertag) überfüllt, dass er keinen Sitzplatz finden kann. Das kleine Kapitalistenschaf wäre beinahe vom Autor getrennt worden, da es in der Tür steckenblieb und dadurch um ein Wollknäuel in zwei Hälften geteilt worden wäre. Noch mal gutgegangen, das Schaf ist drin und transpiriert so heftig, dass sämtliche Scheiben beschlagen. Fast eine halbe Stunde dauert die Fahrt zur Messe, gefühlte drei Stunden.
Endlich die Ankunft am Messegelände. Orientierungsschwierigkeiten. Haupteingang, Eingang für Aussteller, Eingang für Fachbesucher,… aha! Eingang für unerhörte, verkannte und vergessene Autoren, Eingang für Rindviecher, Schweinepriester… Schafe und andere Wolltiere! Na also… wir treffen uns hinter der Schranke wieder. Dann die 2. Orientierungshürde: 4 Hallen voller Bücher und Verlage, in der Mitte die Fernsehsender, die monopolistisch über die Konkurrenz, die Erhörten, berichten – das Kapitalistenschaf murmelt etwas von Weltverschwörung. Überall zeigen sich die Erhörten von ihrer besten Seite und geben ein Interview nach dem anderen. Gut im Rennen liegen Sachbuchautoren mit praxisorientierten Titeln und Themen à la “Wie überlebe ich meinen Mann?“ oder „Der 1A-Karriereplaner für Ihre hochbegabten Drillinge“.

Huch, wo ist denn das Schaf geblieben? Hat sich selbständig gemacht…
Für mich interessant ist der Abschnitt mit dem Schwerpunkt Kinderbuch. Kinderhorden wuseln um mich herum, kucken mich scheel an, dass ich in IHRE Bücher kucke und reißen mir die Werke mit eindeutigem Besitzanspruch aus den Händen. Hinfort, sonst werde ich von den kleinen Bestien noch gelyncht. Ein benachbarter Schwerpunkt ist der Comicbereich. Hier versammeln sich allerdings vor allem Manga-Anbieter und unzählige jugendliche Fans, die massenhaft in buntesten Mangahelden-Kostümen umherspazieren. Manche tragen täuschend echte Samurai-Schwerter mit sich… bloß weg hier!
In den Belletristikbereichen, die sich über alle Hallen verteilen, fragt der Unerhörte kleinlaut und devot an den Informationsständen der Großverlage nach, ob man einem Lektor sein Manuskript vorstellen könne. Doch er wird jedes Mal mit einem Info-Blatt abgewimmelt, auf dem die Bedingungen der Verlage stehen. Bei Nichtbeachtung dieser großherzigen Klauseln droht das Recht der Scharia oder das Strafrecht für chinesische Staatsfeinde.
In Halle 5 mache ich ein paar Entdeckungen. Hier treffen sich Illustratoren, die Illustratoren-Organisation stellt sich vor, Zeichner berichten von ihren Erfahrungen. Die Illustratorenorganisation ist sehr gut organisiert und berät ihre Mitglieder in allen Bereichen wie Vertragsrecht, angemessene Vergütung etcetera. Sowas könnten Autoren auch gebrauchen. Bei Books on Demand ist zu meiner Freude das Buch eines anderen unerhörten Autors, Mark Scheppert in mehreren Exemplaren ausgelegt. An diesem Stand gibt es, sofern man sich eine Weile von einer Angestellten beschwatzen lässt, kostenlosen Cappucchino, und der ist wirklich hervorragend. Schade, dass das Schaf ihn nicht kosten kann.
Am Ende des Tagens, nach kilometerweiten Gängen und Verläufen durch das Labyrinth der Bücherhallen, schleicht der Unerhörte, mit kiloschweren Katalogen und Visitenkarten-Sammlungen belastet, langsam, mit Rücken-, Hals- und Nackenschmerzen sowie platten Füßen zum Ausgang. Zu seiner Freude entdeckt er schon von weitem das Kapitalistenschaf, das dort auf ihn wartet. Doch oh Graus, was ist ihm widerfahren? Es ist angewachsen zu gigantischer Größe und sieht neben dem ZDF-Pavillon aus wie ein eigenes begehbares Ausstellungsstück. Wie konnte das geschehen?
Der Unerhörte bemerkt, dass überall Sicherheitsleute umherrennen, die von Bücherdiebstählen im großen Stil stottern. Halle 3 und 4 wurden unter den Augen der Besuchermassen leergeräumt. Man ist ratlos, verzweifelt, bestürzt.
Das Schaf zwinkert mir zu und muss aufstoßen. Der Duft frisch gedruckter Bücher steigt mir in die Nase. Alles klar. Kapitalistisch gut gemacht, Raubtier!

Wir verlassen vorsichtig das Messegelände. Keiner schöpft Verdacht.
Das Schaf stopft sich in die Straßenbahn und verdrängt so eine Horde der lästigen Messebesucher. Danke für den Sitzplatz, Schaf! Ab geht´s, durch Lääpsch, dann zurück nach Berlin, in die Metropole der Unerhörten Literatur.

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Berlins vergessene Mitte

10. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Von Ralph Trommer

Nur noch bis zum 27. März läuft die interessante Ausstellung im Ephraim-Palais in Mitte. Kein Berliner, den die bauliche Entwicklung der Stadt interessiert, sollte sie versäumen. Ich rate außerdem zu einer Führung, da das Thema sehr komplex ist und man sich ohne Leitung etwas überfordert fühlen kann. Es geht um die historische bauliche Entwicklung und vor allem stadtplanerische Eingriffe in die Gebiete um die alten Zentren Berlin und Cölln. Zum Beispiel erfährt man, dass vom alten Kern Berlins nur noch vereinzelt 12 historische Gebäude wie die Marienkirche oder die Nicolaikirche erhalten geblieben sind. Ansonsten erschließen sich einem erschreckend viele Bausünden, die zum großen Teil schon während der Kaiserzeit begangen wurden und vor allem der Verbesserung der Verkehrswege dienten. So verschwanden ganze Stadtteile und imposante, prägende Gebäude. Anschaulich gemacht werden diese Fakten durch alte Stadtansichten und vor allem frühe Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, die nicht nur die Umgebung des Stadtschlosses, sondern zum Beispiel auch die frühere Fischerinsel als ärmliche, aber sehr charaktervolle Siedlung auferstehen lassen. Um 1970 wurden die letzten Spuren der ursprünglichen Fischerinsel zugunsten sozialistischer Plattenbauarchitektur getilgt. Auch die willkürliche Anlage des pseudo-historischen Nicolai-Viertels in den 80er Jahren wird kritisch beleuchtet. Der Bogen in die Gegenwart beweist, dass die heutigen politischen Umgestaltungsversuche vollkommen bedenkenlos weitere historische Substanz zerstören, indem etwa die spärlichen Reste alter Straßen durch neue Wohnblöcke vollkommen zubetoniert werden.

Ich hatte das Vergnügen, vom Kurator Dr. Benedikt Goebel persönlich mitsamt einer größeren Herde von jungen und alten Schafen durch die Räume getrieben zu werden. Fühle mich jetzt nicht mehr ganz so belämmert wie zuvor.

„Berlins vergessene Mitte. Stadtkern 1840-2010.“ Ephraim-Palais (Stadtmuseum Berlin). Postsr.16, 10178 Berlin Bis 27.03., Di-So 10-18 Uhr, Mi – 20 Uhr.

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“Ein Bär auf Abwegen” von Ralph Trommer

4. February 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Gerade erreicht uns folgende Unerhörte Nachricht:
Während der Berlinale ist Eisbär Knut aus dem Zoologischen Garten entwischt. Der Schnee war in Knuts Gehege so hoch gestiegen, dass er nachts bequem über die Balustrade klettern konnte und anschließend ohne Probleme über die Mauer des Zoogeländes entwischt ist. Knut hat offenbar die Chance genutzt, um ein Bad in der Spree zu nehmen und auf Robbenjagd zu gehen. Hierbei wurde er jedoch nicht fündig. Da der Fluss zu großen Teilen zugefroren war, musste Knut weite Strecken über die Spree rutschen und begegnete so einigen Eis laufenden Kindern. Diese hatten ihn für einen verkleideten Eiskunstläufer gehalten, so elegant wäre der Bär über das Eis geglitten.
Ein heulendes Kind äußerte, dass Knut ihm seinen Schlitten geklaut habe. Ein anderes zog eine Flunsch, weil Knut dessen Pudelmütze aufgesetzt habe und damit ebenso stiften gegangen sei.
Bevor die Polizei eintreffen konnte, war Knut blitzschnell auf seinem Schlitten über die Spree entfleucht. Die Beamten hatten leider noch kein passendes Gefährt entwickelt, dass Knuts Fortbewegungsmittel ebenbürtig war.
Knut schlitterte im Folgenden am Kanzleramt vorbei, wo die Kanzlerin gerade aus dem Fenster schaute und ihm nach kurzem Stutzen erfreut zuwinkte. Auf Nachfrage gab sie an, den bärenhaften Knut Beck auf Berlin-Urlaub erkannt zu haben. Ihre Brillenstärke sowie ihre Fraktionszugehörigkeit werden seitdem überprüft.

Knut ging irgendwo im Tiergarten an Land, wo er laut Zeugenaussagen auf Bäume kletterte und einige Eichhörnchen verschlang. Aus diesem hohen Winkel erspähte er wohl auch ein Wildschwein, das er sogleich zu jagen begann und sich nach gewonnenem Duell schmecken ließ. Sein anschließender Rülpser war über mehrere Kilometer weit zu hören.

Auf der Straße des 17. Juni musste ihm das 1. Plakat aufgefallen sein: „Bär-linale“!
Knut freute sich wie Bolle und machte sich sofort auf den Weg. Weitere Plakate führten ihn zum Bärlinale-Palast, wo gerade eine Filmpremiere stattfand. Knut wurde auf dem roten Teppich gesichtet und eifrig von Fotografen abgelichtet, die das scheinbare Knut-Double für einen geschickten PR-Gag hielten. Doch Knut wurde das Geblitze irgendwann zu bunt, er schnappte sich den Fotografen und schüttelte ihn in seinen Pranken ordentlich hin und her. Dabei überlegte er, ob er die passende Nachspeise für das Wildschwein gefunden hatte. Doch besinnte er sich anders, offenbar war ihm der ungewaschene Gestank des Berlinalegestressten Menschen doch nicht appetitlich genug. Der Fotograf kam mit einem Schrecken und einem Schütteltrauma davon. Knut machte sich weiter auf die Suche nach der Bärlinale und ging, ohne ein Eintrittsticket zu lösen, eiskalt an den zu Eiszapfen erstarrenden Kartenabreißern vorbei. Er setzte sich in die Filmvorführung, ein Bärenvergnügen erwartend, und wurde bitterlich enttäuscht, dass es wieder nur einer dieser französischen Liebesfilme war. Kein Bär, geschweige denn eine attraktive Bärin weit und breit.
Nach genauer Durchsicht des Programms kam er zu der Auffassung, dass hier ein Etikettenschwindel vorlag. Alle möglichen Genres waren vertreten, aber nirgends ein anständiger Bärenspaß oder auch nur ein spannendes Arktis-Drama. Knut beschloss, das nicht auf sich sitzen zu lassen und fragte sich durch, was für ein Tier denn für den ganzen Schlamassel verantwortlich sei. Nachdem er einigen Leuten dafür an die Gurgel gegangen war und herausbekommen hatte, dass das Geschöpf Kosslick hieß, suchte er es auf dem ganzen Festival, jedoch schien dieses ständig von einem Ort zum anderen zu huschen. Jedenfalls dauerte es sehr lange, bis Knut fündig wurde.
Es war in einer Veranstaltung des kulinarischen Kinos. Knut musste sich angesichts der beißenden Gerüche der ausgestellten Gerichte angeekelt abwenden – was sich Menschen doch so alles an Widerlichkeiten einverleibten. Er erkannte das Kosslick an seinem auffälligen Hut, dem roten Schal und daran, dass es unablässig über Filme und Essen schwatzte.

Knut schnappte sich das Kosslick und schleppte es einige Hundert Meter mit sich, wo er es sich ungestört zur Brust nehmen konnte.
“Hör mal, du Kosslick, was soll das ganze Getöse um die Bärlinale? Ich habe weit und breit keinen Bären gesehen, obwohl auf jedem Plakat einer abgebildet ist“.
Das Kosslick schwitzte und keuchte lange, um Zeit zu gewinnen. Endlich fiel ihm eine passende Erklärung ein:
“Ganz einfach, das Festival findet dir zu Ehren statt, Knut, du wurdest als DER Stargast angekündigt! Heute Abend gibt´s sogar eine Gala, wenn du willst, kannst du alles auffressen, das ganze Buffet, von mir aus auch die Stars, wenn dir nach ihnen ist“.

Das schmeichelte Knut doch ein wenig. Er nahm sein Vorhaben zurück, das Kosslick mit einem Haps aufzufressen.

„Das ist nett von dir. Aber ich glaube, ich hab genug von dem Rummel. Grüß die Stars von mir“ sagte Knut müde.

So ließ Knut das Kosslick auf den Boden plumpsen und verließ in gemächlichem Gang das Festival. Er nahm auf dem Rücktritt wieder den Schlitten und rutschte vergnügt zurück über die vereiste Spree, ohne zu merken, dass er von einem hilflosen Polizeieinsatzkommando verfolgt wurde und es im Halbschlaf abhängte. Im Zoo wurde er herzlich von seinem Pfleger aufgenommen, der ihm sogleich ein bluttriefendes Stück Fleisch servierte. Knut war froh, wieder in seinem Gehege zu sein und hatte fürs erste genug von der Kultur.
“Hm“, sinnierte Knut, „das Kosslick hat gesagt, dass in einem Jahr wieder eine Bärlinale stattfindet. Vielleicht lass ich mir dann diese Stars schmecken, sollen ja die Leckerbissen der Bärlinale sein.“

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Ehemals: Ralf Trommer

11. February 2009 | von | Kategorie: Vorleser

Kurz nachdem der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte, wurde er gegen seinen Willen aus dem Mutterleib einer Tänzerin geschnitten.
Nach Jahren der Desorientierung in der pfälzischen Provinz strandete er in Berlin, wo er künstlerische Studien und Versuche in den Bastionen Trickfilm, Drehbuchschreiben, Comiczeichnen und letztlich der Unerhörten Literatur unternahm. Neben Kurzgeschichten existieren u.a. ein haarsträubender Kriminalroman für Kinder. Aus der Patientenakte des Dr. Caligari: „Die Wirklichkeit erscheint ihm nur in verwandelter Form interessant, was vielleicht die Entstehung solch rabenschwarzer Phantasien erklärt, die ihm einen Platz mindestens im Fegefeuer sichern werden“.

Wir bedanken uns bei Ralph Trommer für die schönen gemeinsamen Abende und wünschen ihm viel Glück für die Zukunft!

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