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Carol Jana Ribi

19. November 2014 | von | Kategorie: Vorleser

Carol Jana Ribi

Carol Jana Ribi wurde 1980 zwischen Prag und Zürich geboren. Seit sie reden kann, ist sie in mehreren Sprachen und Kunstwelten zuhause. Sie komponiert, rezitiert, schreibt, malt und ist fest davon überzeugt, dass alle Kunstformen einen gemeinsam Ursprung haben.

Ihr Abitur erhielt sie am österreichisch-tschechischen Gymnasium in Prag. Der Liebe folgend kehrte sie in die Schweiz zurück und studierte länger als geplant Germanistik, Englische Literatur und Ethnologie sowie vier Semester Musikwissenschaften in Zürich. Nebenher engagierte sie sich in unterschiedlichen Kunstprojekten und verdiente ihr täglich Brot in der Kartensammlung, wo sie das imaginäre Reisen lernte. Nach Berlin kam sie 2011 mit ihrem Lebenspartner, um im Kosmos der Wissenschaften zu ‘wandern’ und sich der literarischen Szene anzuschließen.

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Schulanfang von F. Feller-Przybyl

10. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Es ist ein grauer Septembermorgen, es ist der erste Morgen im September um genau zu sein. Ich wache mit einer endzeitartigen Stimmung auf. Heute ist D-Day, der große Tag. Ein Ereignis wird heute statt finden, welches unsere Familie bereits seit Wochen, nein Monaten, intensiv beschäftigt.

In letzter Zeit hatte ich Gelegenheit, den größten Teil des Personals im Bezirksamt persönlich kennen lernen.

„Ich möchte gerne einen einen Hortvertrag für meinen Sohn beantragen.“ „Haben Sie denn schon den Bedarfsbescheid? Nein? Da müssen sie erstmal einen Antrag stellen, bei meiner Kollegin im dritten Stock…“ Natürlich hatte ich einen halben Nachmittag gewartet, bis ich an der Reihe war und natürlich waren die Sprechzeiten besagter Kollegin schon längst vorbei. Die Besuche beim Amt wurden in Folge zu einem festen Termin in meinem Kalender.

Ich bekam die Gelegenheit mich inständig darüber zu freuen, dass wir meinem Kind nur einen Vornamen gegeben haben und nicht wie heute üblich eine ganze Reihe davon mit deren Übersetzungen kleine Geschichten erzählt werden können.

Die Tochter meiner besten Freundin heißt zum Beispiel nicht einfach nur Luna, sondern „wenn der Mond über den sieben Meeren steht, findest du dort, hoch oben auf dem Felsen, die Weisheit Gottes“

Adrian besitzt also nur einen einzigen Vornamen. Das mag auf den ersten Blick ein wenig langweilig erscheinen, aber es hat einen entscheidenden Vorteil: Die Eltern leiden nicht an einer chronischen Sehnenscheidenentzündung, nachdem sie ihren Sprössling erfolgreich angemeldet haben.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Formulare ich genau ausfüllen musste. Es müssen hunderte gewesen sein. Name des Kindes, Adresse des Kindes, Name der Mutter, Name des Vaters, Adresse der Mutter, Adresse des Vaters, Telefonnummer des Vaters klammer auf tagsüber klammer zu, Telefonnummer der Mutter klammer auf tagsüber klammer zu, Telefonnummer klammer auf abends klammer zu der Eltern…

Telefonnummer der Eltern?.Der Eltern? Wieso der Eltern?. Klar, dass Mama und Papa in heutigen Zeiten getrennt leben könnten hat sich wohl noch nicht bei den Formulardesignern diverser Behörden herumgesprochen. Vielleicht verbringen die meisten geschiedenen Ehepaare ihre Abende ja auch wieder zusammen, wer weiß?

Wir füllten Formulare aus für:

Die Anmeldung zur Schule, die Anmeldung zur Aufnahme und Teilnahme von Schülern an einer ergänzenden Betreuung an Grundschulen, Eine Anmeldung zur obligatorischen Gesundheitsprüfung für Schulanfänger, für das Schulessen, für den Antrag auf Anti-Allergenes Schulessen, zur Ausstellung einer Chipkarte für das Schulessen , etc. etc.

Mich beschlich das ungute Gefühl, dass sich im Nachhinein niemand diese Formulare ansehen würde und ich sollte recht behalten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit fülle ich auch heute noch Zettel mit allen Daten aus.

Zwischenzeitlich hatte ich schon nicht mehr an ein Ende dieses ganzen Papierkriegs geglaubt. Aber eines Tages war dann tatsächlich auch der letzte notwendige Bescheid im Briefkasten und dem Karrieresprung meines Kindes stand nichts behördliches mehr im Weg. Es folgte noch vor dem Schulanfang eine erste Elternversammlung in der uns Lehrerin und Erzieherin schulte, was alles vor, während und nach diesem heutigen Tag wichtig sein würde. Solche Versammlungen finden traditionell im Klassenraum statt. Dadurch erhalten Eltern die Möglichkeit, das zukünftige Umfeld ihrer Kinder hautnah zu erleben. Natürlich ist das Mobiliar auf die ergonomischen Bedürfnisse von Erdenbürgern mit einer Körpergröße von nicht mehr als 1,30m ausgelegt. So bleiben solche Elternversammlungen nicht nur im Gedächtnis sondern auch in Form von Rückenschmerzen und Trombosespätfolgen dauerhaft präsent.

Wir erhielten darüber hinaus diverse Merkzettel und Infoblätter, füllten natürlich wieder das ein oder andere Formblatt aus und studierten die Liste der von uns zu besorgenden Materialien. Ich hätte gedacht, dass die dort angegebene Menge an Heften und Heftern, Füllern und Stiften, Malblöcken und sonstigen Bastelutensilien bis zum Abitur reichen würde. Um so bemerkenswerter fand ich die Aussage der Lehrerin, es handele sich hierbei um die „Grundausstattung für die ersten Wochen“. Ich fügte der Liste noch den Eintrag „Aktenschrank“ hinzu und überlegte, wo wir den in Adrians Zimmer noch unterbringen sollten. Scheinbar muss ich beim Studieren dieser Anforderung ein paar wichtige Informationen nicht mitbekommen haben, sah ich mich doch in den nächsten Wochen mehr als einmal mit der Aussage:

„Sie waren wohl nicht auf der Elternversammlung, oder? Da wurde das doch erzählt!“ konfrontiert.

Im Gegensatz zu meiner Heimat wird der Schulanfang hier in Berlin als großes Familienfest begangen. Ich konnte mich an keine besondere Feier zu meiner Einschulung erinnern und auch das gemeinsame Brainstorming mit meinem Bruder ergab keine sachdienlichen Hinweise. Jedoch erhielt ich von verschiedenen Seiten nützliche Hinweise wie dieser Festtag gebührend nach einheimischem Ritus zu begehen sei.

Adrians erster Schultag beginnt für ihn also mit der Begrüßung der angereisten Verwandtschaft. Danach geht es für ihn an die Sichtung seiner Schulbewaffnung. Im Laden hatte der Ranzen gar nicht so riesig ausgesehen. Aber nachdem Adrian sich den Tornister auf den Rücken geschnallt hat, scheint der Schulranzen seinen Besitzer assimiliert zu haben um eigenständig die Schule zu besuchen. Mit ein wenig Mühe gelingt es uns wahrhaftig, alle Bücher in den Ranzen zu bugsieren. Da das resultierende Gewicht aber nur geringfügig die Masse des Trägers unterschreitet, verwerfen wir dieses Vorhaben sofort wieder. Adrian bestreitet seinen ersten Schultag also mit faktisch leerer Schultasche und wir hoffen, dass es der Lehrerin ernst damit war, als sie sagte, die Schulbücher müssten „im Normalfall“ nicht mit nach Hause genommen werden.

Wir machen uns alsbald auf den Weg und ich erlebe den ersten Schub des Schulanfangsblues…

Wie der berühmte Film am Lebensende ziehen Bilder von Adrians früher Kindheit an mir vorbei. Ist es wirklich schon mehr als sechs Jahre her, dass ich dieses kleine Würmchen von noch nicht einmal 3 Kilogramm aus dem Krankenhaus abgeholt habe?

Seine ersten Schritte, ersten Worte, Wettrennen mit dem Bobbycar durch die Wohnung die immer ein sehr beliebtes akustisches Kontrastprogramm zum eintönigen Straßenverkehr geboten hatten. Der Steinsplitter in der Stirn, Nachmittage im Krankenhaus wenn neue Zähne mit hohem Fieber kamen. Kindergeburtstage in denen sich die Wohnung in eine Kita verwandelte und vieles mehr geistert mir nun durch den Kopf.

Schließlich kommen wir in der Schule an und Eltern stehen auf dem Schulhof und trinken Sekt. Ich schiele zum Getränkestand, aber was härteres ist nicht im Angebot. Ich trinke eigentlich ungern hochprozentiges, aber ein doppelter Wodka wäre jetzt genau richtig..

Kurz nach der Ankunft werden die Kinder von den Eltern getrennt. Panik steigt in mir auf. Ich widerstrebe nur mit Mühe dem Impuls hinterher zu gehen um zu sehen, was diese wildfremde Frau, die sich als Lehrerin ausgibt, nun mit meinem Sohn anzustellen gedenkt.

Auch den Gedanken, mir irgendwo einen herrenlosen Schulranzen zu schnappen und mich als Erstklässler ausgebend hinein zu schmuggeln verwerfe ich – wenn auch widerstrebend. Ich ergebe mich also in mein Schicksal und folge den anderen Eltern hinauf in die Aula im dritten Stock. Die Halle ist voll, sie ist laut und ich habe selten eine hässlichere Bestuhlung gesehen.

Die weißen Plastik-Gartenstühle bilden einen morbiden Kontrast zu den überall aufgehängten Luftballons, Girlanden, Luftschlangen und mannigfaltigen Bastelerzeugnissen. Eine Bühne ist aufgebaut und darauf stehen bereits Kinder aus höheren Klassen, die routiniert schauen, als machten sie die ganze Zeit nichts anderes. Die Klasse 1a wurde bereits durch das Programm geschleust und wir warten bis unser Nachwuchs an der Reihe ist.

Schließlich geht es los und paarweise laufen die Kinder in die Aula ein. Das erinnert mich an meine Erstkommunion. Aber zum Glück trägt kein Mädchen ein brautkleidartiges Kostüm und auch die Jungs wurden nicht in Anzüge gesteckt. Damals hatte ich auch nicht gewusst, worauf ich mich einließ. In den Gesicherten der Kinder meine, ich, ähnliches zu spüren.

Ich erkenne nun den Grund für die Anwesenheit der Kindergruppe auf der Bühne. Man will die Eltern und die Kinder einlullen, uns täuschen. Wir sollen den Eindruck gewinnen, das nichts schlimmes mit den Kindern passieren wird. Die Schule als Ort unsäglicher Freuden darstellen. „Seht her, liebe Eltern! Eure Kinder sind bei uns gut aufgehoben. Hier wird den ganzen Tag gesungen, gespielt, getanzt und gelacht. Schule ist riesig, schule ist toll und es geht uns allen hier so wunderbar! Die Lehrerinnen und Lehrer wollen nur das beste für Dein Kind. „Ihr einziger Daseinszweck besteht darin, meinem Kind eine tolle Zeit zu bieten. Wer braucht schon Kino, Puppentheater und Vergnügungsparks, Spielplätze und Karussells. Es gibt ja schließlich Schule! Die ist um so vieles schöner als alles andere. Das ist der Tenor der Ansprache des Direktors der Schule. Untermauert werden sollen die Thesen dann durch die Gesangs und Tanzeinlage der älteren Kinder. Als diese dann aber auch noch singen „Hausaufgaben die machen uns viel Spaß“ verliert die Darbietung in meinen Augen den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

Als die Showeinlage zu ende geht, werden die Kinder paarweise auf die Bühne geholt und sie erhalten eine Rose. Einen Moment keimt Hoffnung in mir auf, da sie Adrian und ein weiteres Kind scheinbar vergessen haben. Sollte er vielleicht doch noch verschont werden? Ist es möglich, dass er ein weiteres Jahr in die Kita gehen kann, ohne Lernen, Hausaufgaben und all den anderen Mist?

Nein! Das System ist unerbittlich, es erkennt seinen Fehler und auch mein Kind steht irgendwann leicht verlegen lächelnd auf der Bühne und nimmt sein Begrüßungsgeschenk entgegen.

In einer Art Prozession werden die Kinder dann wieder aus dem Saal geführt, hin zu ihrer ersten Unterrichtsstunde…

Wir sind wieder auf uns alleine gestellt und trollen uns nach unten in Richtung Hof. Ein knappe halbe Stunde später kommen die Kinder dann wieder. Ein wenig mitgenommen sieht mein Kleiner schon aus, aber er ist frohgemut und kann es jetzt kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen und seine Geschenke auszupacken. Erstaunt stelle ich fest, dass das Leben wohl weiter gehen wird. Wir werden zwar fortan morgens früh aufstehen müssen, aber das fällt einem sechsjährigen naturgemäß leichter als seinem Vater. Ich hoffe, dass ihm die Schule etwas sinnvolles beibringt und ihn nicht mit unnützem Wissen vollstopft. Wäre ich religiös würde ich beten, als Atheist kann ich aber nur hoffen, dass sie ihm dort nicht seiner Neugierde berauben.

Ich wünsche mir zum Schulanfang auch etwas: Er möge seine Phantasie behalten und sich auch weiterhin ab und zu Tagträumen hingeben.

Und ich will ihm zeigen, wie das geht, ohne dass die Lehrer es sehen…

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Weißt Du noch?

9. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Papa! Was ist denn das da für ein Ding?“ Ich schaue in die Richtung, in die mein Sohn zeigt und stutze einen Moment lang. Wir erblicken einen Kasten, etwa 2,50 hoch, mit einer Grundfläche von knapp einem Quadratmeter. Farbe Gelb, mit Fenstern auf zwei Seiten, einer Tür an der dritten. Die vierte Fläche ist massiv. Das muss sie auch sein, denn schließlich hängt dort, von außen durch das Glas gut sichtbar, ein Telefon. So ein großes von der altmodischen Sorte. Der Telefonhörer ist mit etwas an das große Gehäuse gebunden, das so aussieht wie der Schlauch meiner Dusche.

Wir sind im Urlaub an der Ostsee, ein wenig abseits der Haupttouristengebiete. „Das ist ein Telefon.“, antworte ich meinem Kind. „Ein Telefon? Aber wieso das denn?“ Seine Stimme klingt etwas schriller als sonst. Das ist bei ihm immer der Fall, wenn er etwas überhaupt nicht verstehen kann. An seiner Stelle hätte ich auch meine Schwierigkeiten mit dieser Antwort.

Er kennt Telefone als Geräte, die – weil schnurlos – irgendwo in der Wohnung herumliegen und irgendwann anfangen zu klingeln. Dann ruft jemand an. Ab und zu laufen Mama oder Papa auch aufgeregt in der Wohnung herum und suchen besagten Apparat, um selbst jemanden anzurufen. Dann gibt es noch die zweite Kategorie von Telefonen. Das sind Dingsdabumsdas, die Papa oder Mama in der Hosentasche haben und die sie ständig mit sich herumschleppen. Damit kann man überall telefonieren.

Adrian hat noch nicht ganz verstanden, wozu man zu Hause ein anderes Telefon benötigt, wenn man doch bereits eines hat mit dem man überall telefonieren kann. Aber er nimmt es hin, wie so viele Mysterien der Erwachsenenwelt.

Dass man ein für ein Telefon ein eigenes Häuschen gebaut hat, kann er nur schwer verstehen. „Warum ist da ein Telefon?“ Er lässt nicht locker und möchte eine Erklärung haben. „Na ja. Wenn mein kein Handy hat.“, setze ich an und überlege: Kenne ich jemanden, der kein Handy hat? „Dann macht man dort die Tür auf und kann darin telefonieren.“, fahre ich fort.

Echt?“

Adrian schaut mich skeptisch an und trottet erstmal weiter. Misstrauisch beäugt er den gelben Quader, an dem er nun vorbei schlendert. Er schaut durch die Tür auf den fremdartigen Apparat und ich glaube die Andeutung eines Achselzuckens wahrzunehmen. Ich nehme sein Buddelzeug in die Hand und wir trotten weiter in Richtung Strand.

Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Wenn man unvorbereitet auf einen Gegenstand aus längst vergangener Zeit trifft, neigt Mancher zu Nostalgie.

Bezogen auf eine Telefonzelle kann ich das von mir nicht behaupten. Ich habe diese Dinger stets gehasst. Nur in den seltensten Fällen befand sich ein öffentlicher Fernsprecher dort, wo ich ihn brauchte. Die Entfernung zum nächsten stand in direkter exponentieller Abhängigkeit zur Dringlichkeit des zu führenden Telefonats, multipliziert mit der Stärke des Regens, der immer dann einsetzte, wenn ich mich auf die Suche begab. Die nächstgelegene Telefonzelle lag immer in der entgegengesetzten Richtung.

Da es schon damals in jedem Haushalt ein festes Telefon gab, war die Kenntnis über die Standorte der Tempel moderner Kommunikation bei der einheimischen Bevölkerung ebenfalls stark eingeschränkt, so dass ich schnell aufgab, Passanten danach zu fragen. Wurde man dann endlich des verheißungsvollen gelben Minigebäudes ansichtig, so war die Wahrscheinlichkeit nicht unerheblich, dass die Zelle bereits der angestauten Aggression der ortsansässigen Jugendclique zum Opfer gefallen war. Glücklich konnte man schon sein, wenn nur das bereits erwähnt Kabel vom Gerät zum Hörer durch rohe Gewalt gerissen war. Ein Albtraum war es, wenn die Zelle kurz vorher zum Äquivalent eines Dixieklos umfunktioniert worden war.

War dies nicht der Fall und die alles augenscheinlich in intaktem Zustand, war es für Freudentränen eindeutig zu früh. Auf der langen Wegstrecke hatte man bereits hinreichend Gelegenheit gehabt, das benötigte Kleingeld zu organisieren. Jedoch hatten die Apparate eine recht eigenwillige Vorstellung davon, was eine gültige Münze war. Die Deutsche Bundespost, damals noch Eigentümerin des Telefonnetzes, war extrem paranoid im Bezug auf Falschgeld.

Eine besondere Abneigung schien das Telefon gegen nigelnagelneue, noch glänzende, Groschen zu hegen. Diese wurden eigentlich nie angenommen. Um diesem Problem zu begegnen, waren die Gehäuse der Telefone mit einer leicht angerauten Oberfläche versehen. Damit war es potentiellen Kunden möglich, ihre Geldstücke durch heftiges Reiben am Gerät in kürzester Zeit altern zu lassen. Warf man statt Groschen gleich eine Silbermünze ein, war es übrigens fast sicher, dass diese stecken blieb. Genauso sicher war es, dass der Diebstahlschutz an dem Gerät es unmöglich machte, ohne Zuhilfenahme von schwerem Einbruchsgerät, wieder an sein rechtmäßiges Eigentum zu gelangen.

Da wir in aller Regel ohne solche Ausrüstung zum Telefonieren gingen, blieb uns nur, die aufgekommene Frustration durch Schläge und Tritte zu minimieren. Diese ertrug das Gerät mit stoischer Gelassenheit und natürlich, ohne uns den Geldbetrag zu erstatten. Zur Ehrenrettung dieser vorzeitlichen Technik sei aber angemerkt, dass ich mich durchaus daran erinnern kann, in Einzelfällen erfolgreich durch sie mit anderen Menschen kommuniziert zu haben.

Schlussendlich sei aber erwähnt, dass das Telefonieren mit diesen Dingern schweineteuer war. Dreißig Pfennige für einen Anruf waren ja gerade noch akzeptabel. Aber wenn es sich um ein Ferngespräch handelte, ging das schon richtig ins Geld.

Damals gab es ja noch die unterschiedlichen Fernzonen. Wenn der Angerufene sehr weit weg wohnte, konnte man nur dann schneller Geld nachwerfen, als es der diabolische Kasten verbrauchte, indem man ihn mit mindestens 2-Mark-Stücken fütterte.

Im Urlaub gab man sich so etwas nur, wenn es absolut unvermeidlich war.

Zu Hause gab es das Problem der extrem hohen Kosten nur dann, wenn man die bezaubernde Urlaubsbekanntschaft anrufen wollte, die exakt 101 km weit weg und damit in der höchsten Gebührenzone IV wohnte. Das Telefon meiner Eltern war für solche Anrufe tabu. Einerseits wollte ich nicht für die horrende Telefonrechnung von umgerechnet 32,80 Euro am Monatsende verantwortlich gemacht werden. Andererseits stand das Telefon zur damaligen Zeit im Flur und war, wie jedes Gerät damals, an kurzem Kabel angekettet. Dadurch konnten natürlich alle Gespräche in jedem Zimmer mitgehört werden.

Ich habe meine Urlaubsliebe nicht oft angerufen und sie mich auch nicht. Leider blieb sonst nicht viel. All die anderen Segnungen moderner Kommunikation gab es damals in den Achtzigern nicht.

Ich verstehe nicht, warum so viele meiner Altersgenossinnen und -genossen sich so gerne an diese Zeit zurück erinnern. Sie bekommen leuchtende Augen, wenn sie an diese Zeit denken. Was die Kommunikationsmöglichkeiten angeht, empfinde ich diese Ära dem finsteren Mittelalter vergleichbar.

Wir sind am Strand angekommen und breiten unsere Utensilien aus. Gleich danach greife ich in meine Hosentasche. Habe ich Empfang? Nur schwach schlägt die Anzeige aus, für ein Telefonat zu wenig. Aber wer will den gleich mit der Tür ins Haus fallen? Meine Finger huschen über die winzige Tastatur meines Handys. Als ich fertig bin, schicke ich die SMS an die nette Dame von gestern Abend. Ich liebe mobile Kommunikation!

 

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Friedhelm Feller-Przybyl

13. February 2010 | von | Kategorie: Vorleser

Ehemals Teilzeit-alleinerziehender Vater, jetzt fester Bestandteil einer Patchwork-Familie. Ich lese fast ausschließlich Science Fiction-und Fantasy-Romane und -Geschichten (und wer es wagt zu behaupten, dass sei keine Literatur, wird sich einen längeren Vortrag anhören müssen). Obwohl ich darüber hinaus Informatiker bin, habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu unserer schönen neuen digitalen Welt. Meine Geschichten haben häufig einen Bezug zu meinen literarischen Faibles und meiner Technikskepsis. Mein Sohn ist ebenfalls sehr inspirierend – ebenso wie mein fester Glaube daran, dass früher („damals vor’m Krieg“) alles besser war.

Kontakt: friedhelm[at]die-unerhoerten.de

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