Leseproben

Ariane Meinzer: Das kleine Gespenst und die große Liebe

15. November 2017 | von | Kategorie: Leseproben

Kürbisse kleinEs war einmal ein kleines Gespenst, das war viel zu klein, um irgend jemandem Angst einzujagen. Es war sogar so klein, dass selbst die Katzen, Hamster, Meerschweinchen und auch die Frösche ihre Brillen aufsetzen mussten, um es überhaupt zu sehen. Das kleine Gespenst litt ganz fürchterlich darunter und weinte jede Nacht ganz bittere Tränen, wenn es wieder spuken musste.

Zu seinem großen Glück hatte das kleine Gespenst aber vor c.a. 400 Jahren in einem Discount für Geisterzubehör einen Satz ganz toller Ketten zum Rasseln erworben. Damit konnte das Gespenst prima Lärm machen und wenigstens auf diese Weise auf sich aufmerksam machen. Leider waren die Ketten für deutlich größere Gespenster, Dämonen und Vampire gemacht und für das kleine Gespenst um einiges zu groß und zu schwer. Nur unter Mühen konnte es die schweren Ketten hinter sich her schleifen und kam dadurch meistens zu spät zu Spukverabredungen. Es war dann immer ärgerlich, wenn es hieß: „Tja, die anderen waren schon vor 32 Jahren hier- da bist du jetzt ein bisschen zu spät dran- vielleicht klappts ja beim nächsten mal besser.“

So vergingen die Jahrhunderte und für Gespenster wurden die Zeiten immer schlechter. Das 20. Jahrhundert war viel zu laut und zu grell, um den Geistern noch Raum für Spuk und Graus zu lassen. Die Ketten des kleinen Gespenstes waren jeweilen stark angerostet und wenn es damit rasselte, wurde der schaurige Klang übertönt von wummernden Stereoanlagen, lauten Fernsehern, dem Straßenlärm oder Computerspielen.

Frustriert und total deprimiert suchte das kleine Gespenst einen Therapeuten für labile Geister auf. „Was ist mein Daseinszweck, wenn mich nicht nur keiner sieht, sondern auch keiner hört und die Menschen sowieso nur noch Angst vor den Börsenkursen haben?“ „Hm, hm“ brummelte der Therapeut immer mal, denn dafür wurde er bezahlt. Nach der 13. Sitzung nuschelte er „So, so“ und ab der 31. kam nur noch ein „aha, aha!“. Das kleine Gespenst war im Verlauf der Therapie nicht glücklicher geworden, freute sich aber immerhin darüber, dass jemand ihm zuhörte und das sogar ohne die blöden Ketten und das obligate Gewimmere und Gejaule, das sonst verlangt wurde von Gespenstern.

Gegen Ende der 62. Sitzung war es endlich soweit. Der Psychologe rückte zugleich mit Diagnose und Therapie raus: „Sie brauchen Liebe, mein Bester. Kein Gespenst kann für die Ewigkeit- und mit der müssen Sie ja wohl leben- ohne die Liebe bleiben. Sie sollten sich also mal umschauen, welche Dame oder welcher Herr (verschmitztes Zwinkern) wie Sie gerne mal herumspukt, die Nacht besser als den Tag findet und ihr Herz unter dem Laken in Wallungen bringt. Da wünsche ich Ihnen jedenfalls viel Glück bei der Suche und die Rechnung für die Therapie geht Ihnen dann in etwa 200 Jahren zu.“

Voll von amourösem Tatendrang rauschte das kleine Gespenst von dannen und ward fortan ein Stammgast bei allen Halloween-Singleparties, hing in Gruftie-Bars herum, tanzte auf allen Burgfesten, doch das Herz wollte so recht keinen Ankerplatz finden. Eines nachts jedoch rauschte das kleine Gespenst mit einem ziemlich dicken Kater (er war schwarz, hieß Erwin und das Gespenst hatte ihn auf einer Hexenparty kennen gelernt) durch die Gegend. Überdrüssig der vielen Feierei wollte es einfach mal wieder so richtig schön spuken gehen. Und wenn es dabei nur die Mäuse und Kakerlaken in den leeren Häusern erschrecken konnte. Egal. Es wollte spuken, denn es hatte das arge Gefühl, dass es nicht für den großen Glamour und die mondänen Geisterfeste geschaffen war.

Auf dem Weg zu einem Spukhaus, in dem ein paar Bekannte von ihm regelmäßig abhingen kam unser kleines Gespenst an einem geheimnisvollen Laden vorbei. Es konnte nicht genau erkennen, was dort feilgeboten wurde, doch im Fenster strahlte ihm mit dem süßesten breiten Lächeln ein wunderwunderwunderschöner Kürbiskopf entgegen. Seine Augen leuchteten wie die Sterne und der Glanz, der ihn umgab versetzte das kleine Gespenst in Extase. So ein wundervolles Wesen hatte es ja noch nie gesehen und es blieb wie festgenagelt vor dem Schaufenster stehen. Erwin zuppelte am Zipfel des Bettlakens, das das kleine Gespenst selbst nach 800 Jahren noch topmodisch fand. „Ey, nun komm schon. Die anderen warten und du weißt ja, dass du mit deinen ollen Ketten eh immer ein bisschen brauchst. Wenn wir zu spät kommen, ist es wieder Essig mit dem schönen rumspuken“

„Nein“, sagte das kleine Gespenst „ich bleibe hier. Ich habe noch nie so ein schönes Antlitz gesehen und möchte doch zu gerne die Nacht vor diesem Fenster stehen und traurig-romantische Geisterlieder singen. Vielleicht erhört mich ja dieses entzückende Mondgesicht, dessen Lippen mir zurufen `komm, du kleine Gespenst, sei mein Schatz für diese Nacht!`“. Mit einem entrückten Lächeln schwebte das kleine Gespenst durch die Scheibe des Gemüseladens und kuschelte sich an den Kürbiskopf.

Resigniert trabte Erwin von dannen und nahm sich fest vor, das kleine Gespenst von der Liste seiner Freunde wegzustreichen. Was sollte er denn auch mit einem liebestollen Geist, der beim erstbesten Wesen mit Glanz in den Augen die Freundschaft und alles, was wirklich wichtig war vergaß. Erwin hatte noch ne Menge Spaß in dieser Nacht und die Ratten hatte ihre Spukration so kräftig abbekommen, dass sie schreiend und fluchtartig das alte Haus verließ. Zufrieden stieß Erwin mit seinen Kumpeln an und war vor Morgengrauen schon viel zu betrunken, um noch an das kleine Gespenst zu denken.

So vergingen die Nächte, die Wochen, die Jahre. Erwin bekam schon die ersten grauen Haare, da er bei der Vergabe der Ewigkeit an Spukgestalten nicht laut genug „HIER“ gerufen hatte und seine Lebenserwartung somit nur schäbige 530 Jahre betrug. Und er war halt der Typ für graue Schläfen in jungen Jahren. Er langweilte sich im Grunde ganz furchtbar und wusste im tiefsten Innern, dass ihm sein guter Freund, das kleine Gespenst schrecklich fehlte. Also machte er sich auf, den Laden wiederzufinden, in dem er das Gespenst seiner großen Liebe überlassen hat. Nach langer Wanderschaft entdeckte er endlich das Geschäft und tatsächlich leuchtete ihm der Kürbiskopf entgegen. So schnell die Pfoten trugen stürmte er in den Laden und suchte nach seinem Freund. Vergeblich. Kein Gespenst, nirgends. Er jaulte und maunzte so laut er konnte. Der Kürbiskopf lächelte weiter geheimnisvoll und sagte kein Wort. Auch die Mäuse, die zwischen den Kartoffelkisten hin und her huschten schüttelten nur traurig ihre Köpfe und sagten nichts.

Irgendwann jedoch hörte Erwin ein leises Schluchzen. Das war so leise, dass er sein Hörrohr hervor kramen musste, um genau zu orten, wo denn dieses Geräusch her käme. Tatsächlich entdeckte er ein weißes Häufchen neben dem Kürbis, das noch kleiner und fadenscheiniger war, als er das kleine Gespenst in Erinnerung hatte. „Ich bin so uuuunglücklich“ schniefte das inzwischen winzige Gespenst in das Hörrohr hinein. Dem armen Erwin quoll das Herz über vor Mitleid, ihn in so einer Verfassung anzutreffen. „Ich dachte, du hättest die große Liebe gefunden?!“

„Ach was, ja, nein- doch, äh- ja, das hatte ich ja auch geglaubt, aber nachdem unsere Beziehung eigentlich ganz gut gestartet ist, hat sich mit der Zeit rausgestellt, dass der Kürbiskopf ganz furchtbar borniert und dumm ist. Der kann nix als nur gut aussehen und irgendwie sehr sexy mit den Augen leuchten, aber glaube nicht, dass da mal ein gutes Gespräch oder eine gemeinsame Unternehmung drin ist. Nein- der sitzt seit Jahren auf seinem blöden Hintern und glotzt anderen Gespenstern hinterher und ich muss immer gute Miene dazu machen. Die Mäuse machen sich total lustig über mich und der olle Kürbis sagt nichtmal ein einziges liebes Wort- gar nichts. Furchtbar. Warum habe ich nicht ein einziges mal wirklich Glück im ewigen Leben?“

Da nahm der Kater Erwin das kleine Gespenst ganz sanft in seine Pfoten und drückte es aus ganzer Freundschaft. Mit einem leisen Schniefen kuschelte sich das Gespenst in das Fell des Katers und blickte verstohlen zum Kürbis hin. Der grinste einfältig. „Weißt du was, Erwin? Ich glaube, der Kürbis ist ein ganz großer Dummkopf und ich habe soooo lange gebraucht das zu merken.!“ Da schaute sich Erwin den Kürbis mal genauer an und tatsächlich- er war total hohl. Da war nichts drin- nur eine Kerze, die für das schöne Leuchten der Augen sorgte.

Das kleine Gespenst packte seine 7 Sachen zusammen, die eigentlich nur aus seinen Ketten bestanden. Im tiefsten Gefühl der Freude und Verbundenheit ging es mit Erwin hinaus in die weite Stadt. Auf zu neuem Spuk und mit ganz viel Freundschaft im Herzen. Und es nahm sich für alle Ewigkeit ganz fest vor, sich nie wieder von Hohlköpfen blenden zu lassen!

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Ariane Meinzer “Ohne Wenn und Aber”

15. June 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Aus der rudimentären Enzyklopädie der deutschen Sprichwörter und Redensarten: O wie „Ohne Wenn und Aber“

Hans-Peter „Hansi“ Bolle, der Präsident des Fußballklubs Hertha BSC kippte beherzt die 11. Molle mit Korn dieses Abends. Wenigstens beim Saufen konnte ihm niemand das Wasser reichen und wenn es denn doch einer tat, so lehnte er dankend ab- was sollte er mit Wasser, wenn es im Vereinsheim des Hauptstadtclubs noch volle Bierflaschen gab.

Wehmütig erinnerte sich Bolle an die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern über die Zeiten, als die Hertha noch in der 2. Bundesliga spielen durfte. Seine Oma Bertha behauptete sogar, dass der Berliner Traditionsverein auch mal kurzzeitig in der 1. Liga gespielt hatte, aber diese unsinnige Behauptung führten alle in der Familie Bolle auf Oma Berthas stringenten Konsum von Korn ohne Molle zurück.

Inzwischen verblassten in Berlin sogar die Erinnerungen an den einstigen Ruhm und 9 von 10 auf der Straße befragten Berlinern wussten nicht einmal, dass es die Hertha noch gab. Aber Hansi Bolle wusste es besser und wollte es noch einmal mit seiner Mannschaft  unter Trainer Spiegel versuchen. Natürlich spielten sie nur in der Kiezliga und natürlich war dies der absolute Tiefpunkt ,aber ebenso natürlich konnten seine Jungs jetzt frei von jeglicher Angst vor dem Abstieg spielen, denn unter der Kiezliga gab es einfach garnichts mehr, die Hertha saß mit dem blanken Hintern auf dem knallharten Boden aller Tatsachen und konnte nur noch tiefer fallen, wenn sie es fertig brachte, ein tiefes Loch in den Boden des Olympiastadions zu buddeln. Dass Bolle seinen Spielern eine Zeitlang sogar DAS zugetraut hatte war ein Kapitel in einem ganz anderen Buch, das er zum Glück neulich auf der Tribüne des 1. FC Mäuseberg liegen gelassen hatte. Hastig stürzte Hansi bei dem Gedanken an das Spiel in Mäuseberg den Doppelkorn einfach runter. Nach dem 0:23 lief der letzte bis dato verbliebene Fan der Hertha Amok und versuchte, Bolle und Spiegel mit seinem lumpigen Fanschal zu erwürgen. Die Mannschaft konnte zu dem Zeitpunkt nicht zur Hilfe eilen, da sie weinend und bettelnd hinter den Mäuseberger Kickern her rannte und versuchte, diese zum Trikottausch zu bewegen. Zum Glück waren Hansi und sein Trainer fitter als das Gros der Mannschaft und konnten souverän aus dem Stadion flüchten.

Wenn der Präsident die Lage seiner Mannschaft mal nüchtern betrachtete, was angesichts eines gleichmäßigen Flusses von Molle und Korn selten vorkam, so trug die einstige Hoffnung des Vereins, nämlich Trainer Till Spiegel, aufgrund der übergroßen Nerd-Brille auch Eule genannt eine maßgeblich Verantwortung für den aktuell allerletzten Platz in der Kiezliga. Als Spiegel in der vorletzten Saison 2019/2020 seine Arbeit aufnahm, spielten sie immerhin noch in der 2. Regionalliga und es bestand Hoffnung, sich dort dauerhaft im guten Tabellenmittelfeld zu etablieren.

Vielleicht wurde der Grundstein zum totalen Niedergang gelegt, als Spiegel seine Jungs in einer flammenden Motivationsrede am ersten Trainingstag dazu aufgefordert hatte, künftig voll und ganz hinter ihm zu stehen. Eifrig nickten die Kicker und erschienen am Folgetag randvoll mit Alkohol abgefüllt zu Training, der Außenverteidiger Knorke zerrte eine empört schnatternde Gans hinter sich her. Die handverlesene Standpauke des Trainers beeindruckte niemanden wirklich, ein paar Spieler schüttelten verwirrt und ohne Schuldbewusstsein den Kopf, schließlich fragte Knorke lallend, was denn der Herr Trainer habe, die Mannschaft stünde schließlich voll und mit Gans hinter ihm.

Das Training fand an dem Tag statt, musste aber vorzeitig abgebrochen werden, da sich ein Mittelfeldspieler ausgiebig über der angeleinten Gans übergab, welche dann aus Frust den einzigen Ballzauberer der Mannschaft, Stürmer Max Mops in die Waden biss. Angesichts des bedenklichen Alkoholkonsums in Verbindung mit dem Gänsebiss litt Mops dann auch an folgerichtig an chronischer Gänseleber und musste gesundheitsbedingt die Mannschaft verlassen. Es sollte nicht der letzte Abgang sein.

Doch erstmal durchlitt die noch fast vollständige Mannschaft eine beschämende Niederlage nach der anderen. Heimspiele, Auswärtsspiele, völlig egal. Bolles Jungs krochen matt über das frische Rasengrün und starrten apathisch auf den Ball, der anscheinend magnetisch von ihrem Tor angezogen und dauerhaft darin versenkt wurde. Es gab Spiele, da befand sich der Ball zu keinen Zeitpunkt im Besitz der Hertha und die Lust, weiterhin vergeblich hinter dem Leder herzujagen verging den Spielern mehr und mehr und als irgendwann der Linksaußen Pierre Kalinowski ein Skatspiel zückte, war kein Halten mehr- sollte sich doch die gegnerische Mannschaft alleine abrackern!

Bolle und Spiegel holten sich den Rat eines Spotmediziners und nach einem flüchtigen Blick auf die Mannschaft, die gerade in trauter Harmonie Primeln auf dem Spielfeld pflanzte kam Professor Schießer zu der eindeutigen Diagnose, dass alle miteinander unter heftigem Ballfieber im Endstadium litten. Abhilfe tat Not, war aber nicht in Sicht, da die Krankheit unter Kennern der Materie gemeinhin als unheilbar gilt und im Endstadium zum vollständigen Wahnsinn und/oder Verlassen der Mannschaft zu horrenden Ablösesummen führt.

Als erster erreichte der Kapitän Iglo dieses Stadium, der dann für eine stolze Ablösesumme von 5 Portionen Pommes mit Mayo zu Fischstäbchen United wechselte. Ihm folgten wenige Tage später Kalinowski und Müller, die ein vielversprechendes Angebot aus Madagaskar erhalten hatten- zumindest interpretierten sie so die Ansage ihres Trainers, sie sollten doch hingehen, wo der Pfeffer wächst. In Madagaskar spielten sie dann sogar recht erfolgreich in der Nationalmannschaft und schickten Bolle und Spiegel regelmäßig gelbe Karten von diversen Turnieren.

Tja- das war jetzt alles auch schon wieder eine Zeit her und von der gesamten Mannschaft waren Bolle nur noch der Torhüter Siggi Wenn und ein äußerst dürftiger Stürmer namens Heiner Aber geblieben. Morgen stand nun das Lokalderby gegen den 1. FC Union in der alten Försterei auf dem Plan. Die Union, schon lange strahlender Stern in der 1. Liga hatte der Hertha dieses Spiel angeboten und der DFB lobte aus Mitleid mit dem blauweißen Traditionsverein eine Rückkehr in die 1. Liga aus, falls die Hertha dieses Spiel gewinnen sollte.

Für Bolle war schon jetzt klar, dass es die endgültige Hinrichtung seines Vereins sein würde, denn das Ballfieber hatte auch Wenn und Aber so dramatisch geschwächt, dass er aus Verantwortung für seine beiden letzten Fußballer einen Einsatz nicht zulassen konnte. Er musste also ohne Wenn und Aber spielen, ergo ohne auch nur einen einzigen Spieler auf dem Feld. Wenn also Union pro Spielminute 3 Tore schaffte, dürfte die Partie für die Hertha ungefähr mit 0:270 ausgehen. Das wäre dann ein Spielergebnis, das selbst Hansi Bolle nicht mehr schöntrinken konnte. Von dieser Erkenntnis ernüchtert zahlte der Manager seine Zeche und schlich nach Hause, um vor dem mutmaßlich letzten Spiel seiner Laufbahn noch ein paar Mützen Schlaf zu nehmen.

Drei Tage später, als der Presserummel um den kometenartigen Aufstieg von Hertha BSC aus der Kiezliga in die 1. Bundesliga von Hysterie hin zu andauernder Begeisterung abgekühlt war, saßen Bolle und Trainer Spiegel bei einem leckeren Katerfrühstück mit sauren Gurken und Rollmöpsen zusammen. Spiegel grinste trotz der üblen Kopfschmerzen, klopfte Bolle zum hundertsten Mal auf die Schultern und lallte: „Alter Schwede…Hansi, Mensch..ick fass es immer noch nich. Da hat det Ballfieber doch die Union echt noch übler erwischt als uns-228 Eijentore bei nur 19 Treffern in unser Tor. Dann doch lieber janz ohne Spieler uffm Feld als mit dem Haufen armer Irrer, wa?! Wirtin, zwee Bier! Auf die erste Liga, Hansi! Und zwar ohne Wenn und Aber!“

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Durchschnittsmusiker von S. Vogel

1. April 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Wohnzimmer, drei Uhr drei pi m. Das Haar sitzt. Das Haupthaar jedenfalls. Die restlichen rund 25.000 Haare an meinem Körper – so viele Körperhaare hat der Mensch durchschnittlich und, so lehrte mich das Leben, ich bin der personifizierte Durchschnitt – stehen. Stehen hoch, stehen stramm, stehen. Stehen vor Schock, vor Fassungslosigkeit, stehen vor Entsetzen. Auch ich stehe, vor Entsetzen, bin schockiert, fassungslos, stehe neben mir, kann mich beinahe sehen, kann mich nicht rühren, will fortlaufen, aber kann nicht fortlaufen. Wie bei einem Verkehrsunfall, dessen grausamer Anblick mich ekelt, aber gleichwohl hindert, einfach weiterzugehen, muss ich auch jetzt stehenbleiben. Nicht als Schaulustiger: als Hörlustiger. Ich glotze mit den Ohren, höre mir fremdes Elend an, und riskiere dabei mein Leben – und das Leben anderer.

Eingangstür, Wohnung links neben mir, vor einem Monat. Das Haar – so lala. Ich hatte versucht zu schlafen – Nachtschicht im Krankenhaus, einem durchschnittlichen, wo ich als Arzt fungiere –, doch dieses Schlafengehen ist im Versuch steckengeblieben. Auch vor einem Monat stand ich regelrecht im Bett, aufrecht, stand wie nach einer Kanne Kaffee, auf ex. Unsere Wände sind recht dünn, nicht so dünn, dass ich das Fernsehprogramm meiner Nachbarn sehen könnte, doch dünn. „Hausmusik ist das und Sie haben ja überhaupt keine Ahnung“, schallte es mir entgegen, als ich Herrn und Frau Schiemizek auf die sich im Haus rasch wie ein Lauffeuer ausbreitenden Missklänge ihrer Geige-Querflöte-Combo hinwies, auf meine Schicht-im-Krankenhaus-Problematik samt Haftungsrisiko bei wegen Schlafdefizits fahrlässig-schlampig ausgeführten Operationen verwies und sie auch nett, aber bestimmt anwies, ihre Jamsession eventuell am Sankt-Nimmerleins-Tag, zumindest aber zu einer Uhrzeit, die meine Anwesenheit in meiner Wohnung nicht notwendigerweise erforderlich machte, fortzuführen. „Wir haben auch Rechte als Mieter“, beendete Herr Schiemizek das Gespräch abrupt, und obgleich ich seiner zugeschlagenen Wohnungseingangstür noch „Vielen Dank für Ihr Verständnis“ zuraunte, zeitigte mein charmanter Besuch nicht die erwünschten Wirkungen. Ich stand dann die nächsten Stunden auch weiterhin mehr im Bett als dass ich lag und mein Stehvermögen neben dem OP-Tisch war eher schlecht als recht, immerhin: Ich hatte keine Handys, Tupfer, sonstiges Operationsbesteck in meinen Patienten vergessen und bis dato hat sich die postoperative Mortalitätsrate meiner Post-Geige-Querflöte-OP-Opfer auf einem durchschnittlichen Niveau gehalten.

Meine Wohnung, heute, JETZT. Haar scharf vor dem Zusammenbruch und ich auch. Die Axt zur Haarspalterei liegt griffbereit, der Countdown bis zu meinem ersten Amoklauf zählt unabänderlich runter: Noch sieben falsche Tö…, noch sechs fa…, fünf, vier falsche Töne, bis ich die Bude da nebenan stürme, und kein Drei Wetter Taft wird irgendein Haar auf dieser Welt vor diesem Sturm meiner Entrüstung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit beschützen können.

Ich bin ein durchschnittlich toleranter Mensch. Jeder Mensch macht Fehler, sollen sie auch, ich mach ja selber Fehler, bin zum Beispiel hierher gezogen. Auch die Schiemizeks machen Fehler, ihre ganze Ehe ist ein Fehler, und der Glaube daran, diese rissige Ehe mit einem gemeinsamen Hobby wie dem Musizieren wieder kitten zu können, ist der König aller Fehler, die Falschheit des Falschen, ein Versuchsballon, der bei stürmischem Wind startet und nach der ersten Böe unweigerlich im Starkstrommast des Lebens verbrutzeln muss. Sollen die Schmiemizeks auch diesen Fehler begehen, ich toleriere selbst das. Was ich nicht toleriere, unter gar keinen Umständen toleriere, ist jedoch ein auf Basis von Blödheit angerichteter, mit Sturheit gespickter und um den Hauch von Idiotie verfeinerter Dilettantismus, der mit zwei multipliziert wird, direkt neben mir sein Hauptquartier hat und in mir den Wunsch reifen lässt, man möge mir doch bitte mein Trommelfell stutzen oder gleich ganz abrasieren. Wenn Herr Schiemizek ganz verquer flötet und seine Frau dann virtuos – man möchte meinen: ihm die Meinung – geigt, erkenne ich als durchschnittlich Kulturgebildeter regelmäßig weder einen Takt, noch eine Melodie, geschweige denn das ganze Lied, ich weiß nur eins: Kein Richter der Welt würde mich dafür verurteilen… Und so bin ich auch jetzt drauf und dran, die bisher recht durchschnittliche Kriminalitätsrate meiner Stadt um das ein oder andere Kapitalverbrechen zu bereichern, frage mich indes in meiner juristischen Laiensphäre – ich habe drei Semester Jura studiert, war aber zu durchschnittlich –, ob nicht Notwehr meine Tat rechtfertigen würde, schließlich lässt sich das Verhalten der Schiemizeks sicherlich dem Tatbestand der versuchten Körperverletzung oder gar (irgendwie analog) der Bildung einer terroristischen Vereinigung subsumieren, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Frau Schiemizek in diesem Falle als Rädelsführerin zu klassifizieren sei.

Gehüpft wie gesprungen, der Moment initiativ zu werden naht, der Countdown ist schon seit zwei Strophen bei null angelangt, die ersten meiner Nackenhaare beginnen zu ergrauen und in dreieinhalb Stunden bin ich Operateur einer
Nierenexplantation, die ich schlecht vornehmen kann, wenn ich selbst zuvor den Hirntod erlitten habe. Entgegen aller Mordgelüste entscheide ich mich gleichwohl für die gegenüber allen Amokgedanken einen Takt minder impulsive Erziehungsmaßnahme und klopfe nur seicht mit der flachen Hand an die unsere Wohnungen voneinander trennende tragende Wand. Tatsächlich wird mein dezentes Klopfen, da ich es im Stile eines sich orgastisch verstärkenden Trommelwirbels zum absoluten Höhepunkt steigere, nach exakt zwei bis acht Minuten erhört und das Orchester pausiert. Stille. Ruhe. Ich sitze.

Sitze und kann die Stille hören, höre mein ehedem rasendes Herz sich verlangsamen, den vormals mäandernden Blutstrom endlich wieder in geordneten Bahnen pulsieren. Frieden. Meine Gänsehaut: verschwunden. Frieden. Ich atme langsam, keine Spur mehr von Wut, Ärger. Bin ausgeglichen, selig. Noch zwei Stunden kann ich ruhen, diese Ruhe genießen, sie einsaugen, mich von ihr gefangen nehmen lassen, mich von der Stille übermannen lassen. Es ist: Frieden.

Ich döse ein mit dem Gedanken, um wie viel nervenaufreibender dieser Nachmittag verlaufen wäre, hätte ich wirklich zum Äußersten gegriffen und die Polizei gerufen. Auch wenn ich die Anzeige wegen Ruhestörung wegen mangelnder Erfolglosigkeit wohl nimmer hätte bis zum Ende durchziehen können und um des lieben Nachbarschaftsfriedens willen auch nicht hätte durchziehen wollen, so wäre es vielleicht ein angemessener Stoß vor den Bug gewesen, wenn MC Schiemizek und DJane Violin Besuch von den Men in Blue bekommen hätten. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, das nächste Konzert kommt bestimmt.

Die Türklingel unterbricht meinen seichten seligen Schlaf, der Blick durch den Türspion lässt meinen Glauben an Telepathie rasant anwachsen, doch sogleich nach Öffnen der Türe wird nicht nur mein Vertrauen in die Telepathie, sondern gleichsam in den Rechtsstaat arg erschüttert. Ein Staatsbediensteter in blauer Uniform wirft mir unzulässigen Lärm nach § 117 OWiG vor, da ich wohl lautstark gegen die Wand gehämmert hätte, was eben eine Ordnungswidrigkeit darstelle – so viel wusste ich trotz durchschnittlicher Leistungen und Abbruch des Jurastudiums auch gerade noch so, du Depp, denke ich, wohl wissend, dass die Gedanken ja frei sind –, und fordert mich auf, weitere Belästigungen der Nachbarn zu unterlassen. Ich nicke konsterniert, verabschiede die netten Herren freundlich in den frühen Abend hinein und vernehme bei noch offener Wohneingangstüre die ersten Klänge aus der Wohnung Schiemizeks, die das Treppenhaus und sicherlich auch meine Wohnung wieder mit Wohlklang sowie mein Herz mit Suizidneigung füllen. „Oh, eins von Mozarts Duetten für Flöte und Violine, spielen meine Frau und ich auch ab und zu“, höre ich einen der Polizisten noch staunen. ‚Durchschnitt’, denke ich mir, und überlege kurz, ob Kehle oder Pulsadern…

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Schulanfang von F. Feller-Przybyl

10. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Es ist ein grauer Septembermorgen, es ist der erste Morgen im September um genau zu sein. Ich wache mit einer endzeitartigen Stimmung auf. Heute ist D-Day, der große Tag. Ein Ereignis wird heute statt finden, welches unsere Familie bereits seit Wochen, nein Monaten, intensiv beschäftigt.

In letzter Zeit hatte ich Gelegenheit, den größten Teil des Personals im Bezirksamt persönlich kennen lernen.

„Ich möchte gerne einen einen Hortvertrag für meinen Sohn beantragen.“ „Haben Sie denn schon den Bedarfsbescheid? Nein? Da müssen sie erstmal einen Antrag stellen, bei meiner Kollegin im dritten Stock…“ Natürlich hatte ich einen halben Nachmittag gewartet, bis ich an der Reihe war und natürlich waren die Sprechzeiten besagter Kollegin schon längst vorbei. Die Besuche beim Amt wurden in Folge zu einem festen Termin in meinem Kalender.

Ich bekam die Gelegenheit mich inständig darüber zu freuen, dass wir meinem Kind nur einen Vornamen gegeben haben und nicht wie heute üblich eine ganze Reihe davon mit deren Übersetzungen kleine Geschichten erzählt werden können.

Die Tochter meiner besten Freundin heißt zum Beispiel nicht einfach nur Luna, sondern „wenn der Mond über den sieben Meeren steht, findest du dort, hoch oben auf dem Felsen, die Weisheit Gottes“

Adrian besitzt also nur einen einzigen Vornamen. Das mag auf den ersten Blick ein wenig langweilig erscheinen, aber es hat einen entscheidenden Vorteil: Die Eltern leiden nicht an einer chronischen Sehnenscheidenentzündung, nachdem sie ihren Sprössling erfolgreich angemeldet haben.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Formulare ich genau ausfüllen musste. Es müssen hunderte gewesen sein. Name des Kindes, Adresse des Kindes, Name der Mutter, Name des Vaters, Adresse der Mutter, Adresse des Vaters, Telefonnummer des Vaters klammer auf tagsüber klammer zu, Telefonnummer der Mutter klammer auf tagsüber klammer zu, Telefonnummer klammer auf abends klammer zu der Eltern…

Telefonnummer der Eltern?.Der Eltern? Wieso der Eltern?. Klar, dass Mama und Papa in heutigen Zeiten getrennt leben könnten hat sich wohl noch nicht bei den Formulardesignern diverser Behörden herumgesprochen. Vielleicht verbringen die meisten geschiedenen Ehepaare ihre Abende ja auch wieder zusammen, wer weiß?

Wir füllten Formulare aus für:

Die Anmeldung zur Schule, die Anmeldung zur Aufnahme und Teilnahme von Schülern an einer ergänzenden Betreuung an Grundschulen, Eine Anmeldung zur obligatorischen Gesundheitsprüfung für Schulanfänger, für das Schulessen, für den Antrag auf Anti-Allergenes Schulessen, zur Ausstellung einer Chipkarte für das Schulessen , etc. etc.

Mich beschlich das ungute Gefühl, dass sich im Nachhinein niemand diese Formulare ansehen würde und ich sollte recht behalten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit fülle ich auch heute noch Zettel mit allen Daten aus.

Zwischenzeitlich hatte ich schon nicht mehr an ein Ende dieses ganzen Papierkriegs geglaubt. Aber eines Tages war dann tatsächlich auch der letzte notwendige Bescheid im Briefkasten und dem Karrieresprung meines Kindes stand nichts behördliches mehr im Weg. Es folgte noch vor dem Schulanfang eine erste Elternversammlung in der uns Lehrerin und Erzieherin schulte, was alles vor, während und nach diesem heutigen Tag wichtig sein würde. Solche Versammlungen finden traditionell im Klassenraum statt. Dadurch erhalten Eltern die Möglichkeit, das zukünftige Umfeld ihrer Kinder hautnah zu erleben. Natürlich ist das Mobiliar auf die ergonomischen Bedürfnisse von Erdenbürgern mit einer Körpergröße von nicht mehr als 1,30m ausgelegt. So bleiben solche Elternversammlungen nicht nur im Gedächtnis sondern auch in Form von Rückenschmerzen und Trombosespätfolgen dauerhaft präsent.

Wir erhielten darüber hinaus diverse Merkzettel und Infoblätter, füllten natürlich wieder das ein oder andere Formblatt aus und studierten die Liste der von uns zu besorgenden Materialien. Ich hätte gedacht, dass die dort angegebene Menge an Heften und Heftern, Füllern und Stiften, Malblöcken und sonstigen Bastelutensilien bis zum Abitur reichen würde. Um so bemerkenswerter fand ich die Aussage der Lehrerin, es handele sich hierbei um die „Grundausstattung für die ersten Wochen“. Ich fügte der Liste noch den Eintrag „Aktenschrank“ hinzu und überlegte, wo wir den in Adrians Zimmer noch unterbringen sollten. Scheinbar muss ich beim Studieren dieser Anforderung ein paar wichtige Informationen nicht mitbekommen haben, sah ich mich doch in den nächsten Wochen mehr als einmal mit der Aussage:

„Sie waren wohl nicht auf der Elternversammlung, oder? Da wurde das doch erzählt!“ konfrontiert.

Im Gegensatz zu meiner Heimat wird der Schulanfang hier in Berlin als großes Familienfest begangen. Ich konnte mich an keine besondere Feier zu meiner Einschulung erinnern und auch das gemeinsame Brainstorming mit meinem Bruder ergab keine sachdienlichen Hinweise. Jedoch erhielt ich von verschiedenen Seiten nützliche Hinweise wie dieser Festtag gebührend nach einheimischem Ritus zu begehen sei.

Adrians erster Schultag beginnt für ihn also mit der Begrüßung der angereisten Verwandtschaft. Danach geht es für ihn an die Sichtung seiner Schulbewaffnung. Im Laden hatte der Ranzen gar nicht so riesig ausgesehen. Aber nachdem Adrian sich den Tornister auf den Rücken geschnallt hat, scheint der Schulranzen seinen Besitzer assimiliert zu haben um eigenständig die Schule zu besuchen. Mit ein wenig Mühe gelingt es uns wahrhaftig, alle Bücher in den Ranzen zu bugsieren. Da das resultierende Gewicht aber nur geringfügig die Masse des Trägers unterschreitet, verwerfen wir dieses Vorhaben sofort wieder. Adrian bestreitet seinen ersten Schultag also mit faktisch leerer Schultasche und wir hoffen, dass es der Lehrerin ernst damit war, als sie sagte, die Schulbücher müssten „im Normalfall“ nicht mit nach Hause genommen werden.

Wir machen uns alsbald auf den Weg und ich erlebe den ersten Schub des Schulanfangsblues…

Wie der berühmte Film am Lebensende ziehen Bilder von Adrians früher Kindheit an mir vorbei. Ist es wirklich schon mehr als sechs Jahre her, dass ich dieses kleine Würmchen von noch nicht einmal 3 Kilogramm aus dem Krankenhaus abgeholt habe?

Seine ersten Schritte, ersten Worte, Wettrennen mit dem Bobbycar durch die Wohnung die immer ein sehr beliebtes akustisches Kontrastprogramm zum eintönigen Straßenverkehr geboten hatten. Der Steinsplitter in der Stirn, Nachmittage im Krankenhaus wenn neue Zähne mit hohem Fieber kamen. Kindergeburtstage in denen sich die Wohnung in eine Kita verwandelte und vieles mehr geistert mir nun durch den Kopf.

Schließlich kommen wir in der Schule an und Eltern stehen auf dem Schulhof und trinken Sekt. Ich schiele zum Getränkestand, aber was härteres ist nicht im Angebot. Ich trinke eigentlich ungern hochprozentiges, aber ein doppelter Wodka wäre jetzt genau richtig..

Kurz nach der Ankunft werden die Kinder von den Eltern getrennt. Panik steigt in mir auf. Ich widerstrebe nur mit Mühe dem Impuls hinterher zu gehen um zu sehen, was diese wildfremde Frau, die sich als Lehrerin ausgibt, nun mit meinem Sohn anzustellen gedenkt.

Auch den Gedanken, mir irgendwo einen herrenlosen Schulranzen zu schnappen und mich als Erstklässler ausgebend hinein zu schmuggeln verwerfe ich – wenn auch widerstrebend. Ich ergebe mich also in mein Schicksal und folge den anderen Eltern hinauf in die Aula im dritten Stock. Die Halle ist voll, sie ist laut und ich habe selten eine hässlichere Bestuhlung gesehen.

Die weißen Plastik-Gartenstühle bilden einen morbiden Kontrast zu den überall aufgehängten Luftballons, Girlanden, Luftschlangen und mannigfaltigen Bastelerzeugnissen. Eine Bühne ist aufgebaut und darauf stehen bereits Kinder aus höheren Klassen, die routiniert schauen, als machten sie die ganze Zeit nichts anderes. Die Klasse 1a wurde bereits durch das Programm geschleust und wir warten bis unser Nachwuchs an der Reihe ist.

Schließlich geht es los und paarweise laufen die Kinder in die Aula ein. Das erinnert mich an meine Erstkommunion. Aber zum Glück trägt kein Mädchen ein brautkleidartiges Kostüm und auch die Jungs wurden nicht in Anzüge gesteckt. Damals hatte ich auch nicht gewusst, worauf ich mich einließ. In den Gesicherten der Kinder meine, ich, ähnliches zu spüren.

Ich erkenne nun den Grund für die Anwesenheit der Kindergruppe auf der Bühne. Man will die Eltern und die Kinder einlullen, uns täuschen. Wir sollen den Eindruck gewinnen, das nichts schlimmes mit den Kindern passieren wird. Die Schule als Ort unsäglicher Freuden darstellen. „Seht her, liebe Eltern! Eure Kinder sind bei uns gut aufgehoben. Hier wird den ganzen Tag gesungen, gespielt, getanzt und gelacht. Schule ist riesig, schule ist toll und es geht uns allen hier so wunderbar! Die Lehrerinnen und Lehrer wollen nur das beste für Dein Kind. „Ihr einziger Daseinszweck besteht darin, meinem Kind eine tolle Zeit zu bieten. Wer braucht schon Kino, Puppentheater und Vergnügungsparks, Spielplätze und Karussells. Es gibt ja schließlich Schule! Die ist um so vieles schöner als alles andere. Das ist der Tenor der Ansprache des Direktors der Schule. Untermauert werden sollen die Thesen dann durch die Gesangs und Tanzeinlage der älteren Kinder. Als diese dann aber auch noch singen „Hausaufgaben die machen uns viel Spaß“ verliert die Darbietung in meinen Augen den letzten Rest an Glaubwürdigkeit.

Als die Showeinlage zu ende geht, werden die Kinder paarweise auf die Bühne geholt und sie erhalten eine Rose. Einen Moment keimt Hoffnung in mir auf, da sie Adrian und ein weiteres Kind scheinbar vergessen haben. Sollte er vielleicht doch noch verschont werden? Ist es möglich, dass er ein weiteres Jahr in die Kita gehen kann, ohne Lernen, Hausaufgaben und all den anderen Mist?

Nein! Das System ist unerbittlich, es erkennt seinen Fehler und auch mein Kind steht irgendwann leicht verlegen lächelnd auf der Bühne und nimmt sein Begrüßungsgeschenk entgegen.

In einer Art Prozession werden die Kinder dann wieder aus dem Saal geführt, hin zu ihrer ersten Unterrichtsstunde…

Wir sind wieder auf uns alleine gestellt und trollen uns nach unten in Richtung Hof. Ein knappe halbe Stunde später kommen die Kinder dann wieder. Ein wenig mitgenommen sieht mein Kleiner schon aus, aber er ist frohgemut und kann es jetzt kaum noch erwarten, nach Hause zu kommen und seine Geschenke auszupacken. Erstaunt stelle ich fest, dass das Leben wohl weiter gehen wird. Wir werden zwar fortan morgens früh aufstehen müssen, aber das fällt einem sechsjährigen naturgemäß leichter als seinem Vater. Ich hoffe, dass ihm die Schule etwas sinnvolles beibringt und ihn nicht mit unnützem Wissen vollstopft. Wäre ich religiös würde ich beten, als Atheist kann ich aber nur hoffen, dass sie ihm dort nicht seiner Neugierde berauben.

Ich wünsche mir zum Schulanfang auch etwas: Er möge seine Phantasie behalten und sich auch weiterhin ab und zu Tagträumen hingeben.

Und ich will ihm zeigen, wie das geht, ohne dass die Lehrer es sehen…

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Weißt Du noch?

9. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Papa! Was ist denn das da für ein Ding?“ Ich schaue in die Richtung, in die mein Sohn zeigt und stutze einen Moment lang. Wir erblicken einen Kasten, etwa 2,50 hoch, mit einer Grundfläche von knapp einem Quadratmeter. Farbe Gelb, mit Fenstern auf zwei Seiten, einer Tür an der dritten. Die vierte Fläche ist massiv. Das muss sie auch sein, denn schließlich hängt dort, von außen durch das Glas gut sichtbar, ein Telefon. So ein großes von der altmodischen Sorte. Der Telefonhörer ist mit etwas an das große Gehäuse gebunden, das so aussieht wie der Schlauch meiner Dusche.

Wir sind im Urlaub an der Ostsee, ein wenig abseits der Haupttouristengebiete. „Das ist ein Telefon.“, antworte ich meinem Kind. „Ein Telefon? Aber wieso das denn?“ Seine Stimme klingt etwas schriller als sonst. Das ist bei ihm immer der Fall, wenn er etwas überhaupt nicht verstehen kann. An seiner Stelle hätte ich auch meine Schwierigkeiten mit dieser Antwort.

Er kennt Telefone als Geräte, die – weil schnurlos – irgendwo in der Wohnung herumliegen und irgendwann anfangen zu klingeln. Dann ruft jemand an. Ab und zu laufen Mama oder Papa auch aufgeregt in der Wohnung herum und suchen besagten Apparat, um selbst jemanden anzurufen. Dann gibt es noch die zweite Kategorie von Telefonen. Das sind Dingsdabumsdas, die Papa oder Mama in der Hosentasche haben und die sie ständig mit sich herumschleppen. Damit kann man überall telefonieren.

Adrian hat noch nicht ganz verstanden, wozu man zu Hause ein anderes Telefon benötigt, wenn man doch bereits eines hat mit dem man überall telefonieren kann. Aber er nimmt es hin, wie so viele Mysterien der Erwachsenenwelt.

Dass man ein für ein Telefon ein eigenes Häuschen gebaut hat, kann er nur schwer verstehen. „Warum ist da ein Telefon?“ Er lässt nicht locker und möchte eine Erklärung haben. „Na ja. Wenn mein kein Handy hat.“, setze ich an und überlege: Kenne ich jemanden, der kein Handy hat? „Dann macht man dort die Tür auf und kann darin telefonieren.“, fahre ich fort.

Echt?“

Adrian schaut mich skeptisch an und trottet erstmal weiter. Misstrauisch beäugt er den gelben Quader, an dem er nun vorbei schlendert. Er schaut durch die Tür auf den fremdartigen Apparat und ich glaube die Andeutung eines Achselzuckens wahrzunehmen. Ich nehme sein Buddelzeug in die Hand und wir trotten weiter in Richtung Strand.

Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Wenn man unvorbereitet auf einen Gegenstand aus längst vergangener Zeit trifft, neigt Mancher zu Nostalgie.

Bezogen auf eine Telefonzelle kann ich das von mir nicht behaupten. Ich habe diese Dinger stets gehasst. Nur in den seltensten Fällen befand sich ein öffentlicher Fernsprecher dort, wo ich ihn brauchte. Die Entfernung zum nächsten stand in direkter exponentieller Abhängigkeit zur Dringlichkeit des zu führenden Telefonats, multipliziert mit der Stärke des Regens, der immer dann einsetzte, wenn ich mich auf die Suche begab. Die nächstgelegene Telefonzelle lag immer in der entgegengesetzten Richtung.

Da es schon damals in jedem Haushalt ein festes Telefon gab, war die Kenntnis über die Standorte der Tempel moderner Kommunikation bei der einheimischen Bevölkerung ebenfalls stark eingeschränkt, so dass ich schnell aufgab, Passanten danach zu fragen. Wurde man dann endlich des verheißungsvollen gelben Minigebäudes ansichtig, so war die Wahrscheinlichkeit nicht unerheblich, dass die Zelle bereits der angestauten Aggression der ortsansässigen Jugendclique zum Opfer gefallen war. Glücklich konnte man schon sein, wenn nur das bereits erwähnt Kabel vom Gerät zum Hörer durch rohe Gewalt gerissen war. Ein Albtraum war es, wenn die Zelle kurz vorher zum Äquivalent eines Dixieklos umfunktioniert worden war.

War dies nicht der Fall und die alles augenscheinlich in intaktem Zustand, war es für Freudentränen eindeutig zu früh. Auf der langen Wegstrecke hatte man bereits hinreichend Gelegenheit gehabt, das benötigte Kleingeld zu organisieren. Jedoch hatten die Apparate eine recht eigenwillige Vorstellung davon, was eine gültige Münze war. Die Deutsche Bundespost, damals noch Eigentümerin des Telefonnetzes, war extrem paranoid im Bezug auf Falschgeld.

Eine besondere Abneigung schien das Telefon gegen nigelnagelneue, noch glänzende, Groschen zu hegen. Diese wurden eigentlich nie angenommen. Um diesem Problem zu begegnen, waren die Gehäuse der Telefone mit einer leicht angerauten Oberfläche versehen. Damit war es potentiellen Kunden möglich, ihre Geldstücke durch heftiges Reiben am Gerät in kürzester Zeit altern zu lassen. Warf man statt Groschen gleich eine Silbermünze ein, war es übrigens fast sicher, dass diese stecken blieb. Genauso sicher war es, dass der Diebstahlschutz an dem Gerät es unmöglich machte, ohne Zuhilfenahme von schwerem Einbruchsgerät, wieder an sein rechtmäßiges Eigentum zu gelangen.

Da wir in aller Regel ohne solche Ausrüstung zum Telefonieren gingen, blieb uns nur, die aufgekommene Frustration durch Schläge und Tritte zu minimieren. Diese ertrug das Gerät mit stoischer Gelassenheit und natürlich, ohne uns den Geldbetrag zu erstatten. Zur Ehrenrettung dieser vorzeitlichen Technik sei aber angemerkt, dass ich mich durchaus daran erinnern kann, in Einzelfällen erfolgreich durch sie mit anderen Menschen kommuniziert zu haben.

Schlussendlich sei aber erwähnt, dass das Telefonieren mit diesen Dingern schweineteuer war. Dreißig Pfennige für einen Anruf waren ja gerade noch akzeptabel. Aber wenn es sich um ein Ferngespräch handelte, ging das schon richtig ins Geld.

Damals gab es ja noch die unterschiedlichen Fernzonen. Wenn der Angerufene sehr weit weg wohnte, konnte man nur dann schneller Geld nachwerfen, als es der diabolische Kasten verbrauchte, indem man ihn mit mindestens 2-Mark-Stücken fütterte.

Im Urlaub gab man sich so etwas nur, wenn es absolut unvermeidlich war.

Zu Hause gab es das Problem der extrem hohen Kosten nur dann, wenn man die bezaubernde Urlaubsbekanntschaft anrufen wollte, die exakt 101 km weit weg und damit in der höchsten Gebührenzone IV wohnte. Das Telefon meiner Eltern war für solche Anrufe tabu. Einerseits wollte ich nicht für die horrende Telefonrechnung von umgerechnet 32,80 Euro am Monatsende verantwortlich gemacht werden. Andererseits stand das Telefon zur damaligen Zeit im Flur und war, wie jedes Gerät damals, an kurzem Kabel angekettet. Dadurch konnten natürlich alle Gespräche in jedem Zimmer mitgehört werden.

Ich habe meine Urlaubsliebe nicht oft angerufen und sie mich auch nicht. Leider blieb sonst nicht viel. All die anderen Segnungen moderner Kommunikation gab es damals in den Achtzigern nicht.

Ich verstehe nicht, warum so viele meiner Altersgenossinnen und -genossen sich so gerne an diese Zeit zurück erinnern. Sie bekommen leuchtende Augen, wenn sie an diese Zeit denken. Was die Kommunikationsmöglichkeiten angeht, empfinde ich diese Ära dem finsteren Mittelalter vergleichbar.

Wir sind am Strand angekommen und breiten unsere Utensilien aus. Gleich danach greife ich in meine Hosentasche. Habe ich Empfang? Nur schwach schlägt die Anzeige aus, für ein Telefonat zu wenig. Aber wer will den gleich mit der Tür ins Haus fallen? Meine Finger huschen über die winzige Tastatur meines Handys. Als ich fertig bin, schicke ich die SMS an die nette Dame von gestern Abend. Ich liebe mobile Kommunikation!

 

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Altglas-Mafia

6. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben


Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen, nein Monaten wachte ich nun jeden Sonntag gegen 9 Uhr auf, weil irgend so ein Arschloch sein Glas im Hof in den Altglas-Tonnen zerdepperte. Wieder klirrte Glas, doch diesmal reichte es mir und ich sprang auf. Wutentbrannt öffnete ich das Fenster. Ich wollte gerade „Schnauze“ oder „Verpiss dich“ brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: Es schmiss hier niemand seine leeren Pullen in die Container – es wühlte jemand angestrengt darin herum.

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß SERO. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den SERO-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg zur Wiedereingliederung zu diesem grauenvollen Job.

In dem alten ausrangierten LKW-Anhänger direkt an der Büschingstraße stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem SERO-Logo war irgendwann einmal wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden. Unser Mann, Herr Lepro, konnte tatsächlich aus einem Bildband über noch lebende Kinderschänder, Mörder oder Vergewaltiger entsprungen sein. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführten und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von den Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.
Vorher war unsere Altstoff-Annahme „jwd“, also „janz weit draußen“ gewesen, und als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich.

Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoff-Mann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben von dem Kleinen. Na gut: ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesige Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro, unser Monster, des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen SERO-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die erzielten Erlöse diversen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen – 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe, die wir von Bommels Bibliothekars-Mutter geschenkt bekommen hatten, unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler. Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände – jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.
Bommel hatte mir von einem Laden in der Torstraße berichtet, der Fußball-Wimpel von allen Oberliga-Mannschaften für acht Mark verkaufte. Als erstes kauften wir uns beide den von Wismut Aue, weil wir die gekreuzten Hämmer und das große „W“ auf lila-weißem Grund so toll fanden.
Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: „Haben Sie Altstoffe?“ Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen, und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle der alte Knacki da nebenher gemacht haben musste.
Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung. Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metall-Ringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen – es wurde auch mal aufgerundet.
An einem kühlen Herbsttag – wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet – sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoff-Wagen zu einem dunklen Lada, öffnete den Kofferraum und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: „Na, wat sagt ihr nun, Jungs?“ Der wahrscheinlich freundlichste SERO-Mitarbeiter der Welt strahlte.
Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel größere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns deutlich klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Die restlichen, endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: „Die jungen Pioniere kommen am: 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit.“ Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass – die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.
An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Es war die größte und schwerste Altstoff-Ladung zusammengekommen, die jemals in Berlin gesammelt wurde. Unser Wagen war vollkommen überladen und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.
Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter „Neuer Deutschlands“ fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.
Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: „Womit habe ich das alles verdient?“ Zum Glück sagte Bommel energisch: „Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Scheppert.“
Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Weltrekord, auch für uns, die legendäre
„Altglas-Mafia“.
Schon mit zwölf hatten Bommel und ich prallgefüllte Sparbücher und die Fußball-Wimpel aller Oberliga-Mannschaften – sogar einige aus der 2. DDR-Liga. Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir außer diesen sportlichen Stoffdreiecken davon überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam – vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und SERO. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den „Herrn der Altstoffe“ sah ich im Leben nie wieder.

Vor einer Woche war es wieder einmal soweit. In unserer Küche stapelten sich kiloweise Papier, reichlich leere Rotweinflaschen, über 50 Bierpullen und allerlei Plastikgelumpe des Coca-Cola-Konzerns. Seit einigen Jahren hat sich die Mülllandschaft gründlich geändert. Auf fast jedem Hinterhof gibt es mittlerweile Papier- und Flaschencontainer. Selbst Pappe und Plastikwaren können wir trennen und in eine scheinbar grüne Welt zurückbefördern. In den Tonnen meines Hauses wühlt sonntags noch immer diese ältere Frau auf der Suche nach versehentlich entsorgten Bier-, Wasser- und Fantaflaschen.

Doch von mir wird sie leider nichts finden. Ich lud mein Leergut in insgesamt 5 große Tüten und machte mich auf den Weg zu REWE. Dort gibt es keinen hilfsbereiten Herrn Lepro. Ein hochmoderner Automat schluckt das Leergut, sogar ganze Bierkästen. Auf Knopfdruck erhält man am Ende einen Bon und an der Kasse das Pfandgeld. Vor mir und der Maschine standen lediglich zwei andere Leute. Nachdem das junge Mädchen etwa die Hälfte ihrer Flaschen in den rotierenden Automaten gesteckt hatte, blieb das Ding plötzlich stehen. Nichts rührte sich mehr und nach mehrmaligem Ermuntern rief der verpickelte Typ an der Kasse endlich ins Mikrofon: “Herr Egner bitte einmal zum Pfandautomaten.”

Herr Egner ging in den Raum hinter dem Automaten. Da er die Tür hinter sich nicht schloss, konnten wir sehen, dass das riesige Förderband komplett mit leeren Flaschen gefüllt war. Das Faszinierende: Das Band musste so oder so manuell geleert werden, also nicht nur im Fall einer Havarie. Wahrscheinlich war Herr Egner sonst immer in diesem Raum und füllte leere Kästen mit Flaschen, die auf seiner Seite aus dem Automaten kamen. Diesmal brauchte er ca. 20 Minuten bis er Bescheid gab, dass es weitergehen konnte. Entnervt drückte das Mädel irgendwann auf den Bon-Knopf und nickte dem Typen vor mir zu. Der hatte einen riesigen Sack mit verschiedenen Plastikflaschen dabei. Einige dieser Wasserpullen nahm der Automat offenbar nicht an, doch er versuchte verzweifelt, jede einzelne mindestens acht Mal in die Öffnung zu schieben. Dort rotierten diese minutenlang bevor der Automat acht Mal das gleiche Ergebnis anzeigte: Flasche nicht erkannt.

Hinter mir standen mittlerweile sicher 15 Leute und nicht wenige davon hätten den Kerl am liebsten erwürgt, bis dieser endlich seinen Bon zog. Zur Freude aller lief bei mir alles glatt, die Flaschen wurden erst vom Automaten und dahinter von Herrn Egner erkannt, entgegengenommen und wenn nicht, warf ich sie lässig in den Müllcontainer. Nach geschlagenen 30 Minuten Wartezeit hatte ich meinen Zettel über 2,48 € in der Hand. Ich schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken oder zumindest nie wieder Flaschen bei einem Automaten abgeben würde.
An den zweiten Vorsatz habe ich mich bis jetzt gehalten.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens von Mark Scheppert

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Freiheit ist immer…

15. November 2011 | von | Kategorie: Leseproben

JW4

In der zehnten Klasse rauchten wir auf dem Schulhof schon vor Beginn des Unterrichts die erste Zigarette. Sie schmeckte zwar wie Dachpappe, und die Zunge fühlte sich an wie ein staubiger Aschenbecher. Doch was tat man nicht alles, um in der coolen Gang zu bestehen.

Auch an diesem Dezembertag 1987 sah ich schon von weitem ein Gemisch aus Qualm und warmer Atemluft aus den Mündern meiner Freunde aufsteigen. Tessi, Bergi, Bommel und Andi standen am Zaun und schauten angeregt diskutierend hinüber zur “Rosa”, wie wir die verhasste Nachbarschule nannten. “Freiheit ist immer auch die Freiheit des A”, stand in großen schwarzen Lettern auf die graue Außenwand der Polytechnischen Oberschule “Rosa Luxemburg” gepinselt. Leise schlich ich mich von hinten an und rief mit tiefstmöglicher Stimme: “Wer war das?” Bommel fiel vor Schreck die Kippe aus dem Mund, doch auch er musste lachen, als er mich sah.

Natürlich war das keiner von uns, und niemand konnte sich einen Reim darauf machen, was der Satz bedeutete und wie er ausgehen sollte. Dennoch sah ich in den Augen der Jungs, dass sie den “Sprayer” bewunderten. Das hatte was von dem Film “Beat Street”, auch wenn dies hier keine bunten Graffitis an U-Bahnwagen in der New Yorker Bronx waren.

Freiheit mit Farbe übertüncht

Als wir in der Pause auf den Hof zurückkehrten, war der Satz verschwunden. Nur eine etwa vier Meter lange und einen Meter breite weiße Farbschicht zeugte davon, dass dort mal etwas gestanden hatte. Es schimmerte noch feucht, so dass wir unseren Kumpels beweisen konnten, keinen Quatsch erzählt zu haben. Allerdings hatten wir weder den nächtlichen Schreiber noch den rasenden Malermeister zu Gesicht bekommen.

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Durch unsere Angeberei schossen wir dafür ein Eigentor. In der Mittagspause wurden wir zur Direktorin gerufen, wo bereits zwei Herren in Lederjacken, Marke Stasi, saßen. Die Sache hatte sich herumgesprochen. Einzeln führten sie uns in ein leeres Klassenzimmer. “Wer war das?”, fragte mich einer der Kerle mit tiefer Verhörstimme. Ich war mir sicher, dass ich nichts zu befürchten hätte. Denn weder meine Freunde noch ich hatten etwas damit zu tun oder wussten, wer der Täter war. Und selbst wenn, sie hätten es nicht erfahren!

In unserem Freundeskreis gab es einen unausgesprochenen Ehrenkodex: Es wird niemals jemand verpetzt oder denunziert. “Ich war das nicht!“, durfte man sagen, aber niemals: “Der da war das!”
Deshalb waren wir alle geschockt, als wir hörten, dass die Männer in Lederkluft unseren Andi eingesackt hatten.
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Erst am frühen Abend sprach sich herum, dass er wieder aufgetaucht war. Gespannt warteten wir darauf, dass er endlich im “Alfclub” erschien. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen schnappte er sich ein Bier, setzte sich auf einen Sessel – und schwieg. Er wusste natürlich, dass er gerade der uneingeschränkte Mittelpunkt unserer Runde war und kostete dies aus. Nach und nach begann er zu erzählen. Sie hätten ihn irgendwo nach Lichtenberg, Höhe U-Bahnhof Magdalenenstraße, gekarrt und “in ’nem richtigen Verhörzimmer und so” ordentlich in die Mangel genommen. Er schilderte die Situation so lebensnah und bedrohlich, dass wir alle muckmäuschenstill wurden.

Die alles entscheidende Frage

Doch scheinbar hatten alle außer mir die entscheidende Frage vergessen. Ich unterbrach ihn: “Was haben sie dir eigentlich vorgeworfen?” Er schaute mich an: “Na, blöderweise hatte ich denen gesagt, dass ich wüsste, wie der Satz vollständig heißt.” Wir staunten. Weder die befragten Eltern noch unsere Lehrerin Frau Wagenbach hatten eine Antwort darauf parat gehabt. “Und?” brüllte Tessi genervt. Andi lehnte sich zurück und rief: “Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andi.”

Schallendes Gelächter erfüllte den Klub in den Tiefen des Neubaublocks. Andreas, alias Andi, war an diesem Abend für viele der uneingeschränkte Held unserer Clique. Ich dachte da ein bisschen anders. Okay, momentan ist es so, dass derjenige, der den größtmöglichen Mist anstellt, in der Hierarchie der Gruppe aufsteigt. Dass man sich dafür allerdings mit der Stasi anlegt, hielt ich jedoch für keine so besonders schlaue Idee.

Am nächsten Morgen betrachtete ich den überpinselten Spruch und dachte: “Mich würde ja wirklich einmal interessieren, wer das war und vor allem wie dieser Satz ausgeht.”

DDR – ein Land der Duckmäuser?

Genau jetzt komme ich zu Gedanken, die mich regelmäßig in Rage versetzen: Die DDR wird heutzutage vornehmlich in den Medien und von Politikern auf Mauerschützen, höllengleiche Stasigefängnisse und brutale Kinderheime reduziert. Auf ein Land der Duckmäuser, der Wegschauer und Verräter – ein Land der Feiglinge, in dem jeder Einzelne ständig in einer Atmosphäre der Angst vor einem unerbittlichen Staatsapparat lebte. Gleichgeschaltete Menschen, die permanent andere bespitzelten. Und wenn sie selbst mal in Bedrängnis gerieten, riefen alle Chor: “Ich war das aber nicht, sondern der da!”

Neulich wurde mir sogar das Wort “Wende” von einem alten CDU-Politiker verboten. In einer Talkshow betonte er mehrfach, dass dies ein Begriff der SED-Staatsführung gewesen sei. Da war ich wohl einem Irrtum anheimgefallen. Denn ich dachte immer, “die Wende” bezeichne den Prozess des Wandels in der DDR. Ein Prozess, der auch als friedliche Revolution bezeichnet wird und schließlich 1989 zum Mauerfall und Ende der SED-Herrschaft führte. Doch wann begann diese Wende eigentlich?

Am 18. Januar 1988, knapp einen Monat nach der Geschichte mit der Schmiererei, kam mir Bergi ganz aufgeregt entgegen. Der sonst so schweigsame Typ rief sofort: “Haste gestern Abend Nachrichten gehört?” Ich wusste natürlich, dass er die von ARD, ZDF oder von RIAS im Radio meinte, verneinte aber. “Dann weißt du ja leider auch nicht, wie unser Andi-Spruch ausgeht.” Er deutete auf die Rosa-Luxemburg-Schule. “Nee, spuck’s aus”, brüllte ich, doch Bergi ließ mich zappeln. “Komm mal heute Abend mit deinem Rekorder zu den Platten. Um 20 Uhr bringen sie auf RIAS den Bericht noch mal.”

Am Abend fummelte ich sechs neue R14-Batterien in meinen SKR700 und lief in eisiger Kälte zu unserem Treffpunkt. Die üblichen Verdächtigen waren da. Im Gegensatz zu mir interessierte sie jedoch mehr der Fruchtsaft-Likör, Marke Kirsch mit Whisky, als die Sendung des “Rundfunks Im Amerikanischen Sektor”. Kurz bevor es losging, versammelte sich die Truppe dann aber doch vor meinem anthrazitfarbenen Jugendweihe-Rekorder.

Subversives Rosa-Luxemburg-Zitat

Die ersten Worte der Reportage waren: “Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Dieser Satz Rosa Luxemburgs stand auf einem selbst gefertigten Plakat von unabhängigen Gruppen, die sich an einer offiziellen Demonstration zum Jahrestag der Ermordung Luxemburgs und Karl Liebknechts in Ostberlin beteiligten. Insgesamt wird den aktuellen Angaben nach von über 100 Festnahmen berichtet. Wolfgang Hauptmann weiß Näheres aus Ostberlin…”

Genau diese Sekunden waren der Beginn meiner persönlichen Metamorphose. Sie leiteten die Wandlung eines kleinen, dummen Jungens mit allerlei Flausen im Kopf hin zu einem bewusst denkenden Menschen ein. Erstmals erfuhr ich, dass in unserem Land so etwas wie eine Opposition existierte, dass es da draußen Menschen gab, die sich für eine andere DDR einsetzten. Erstmals machte ich mir über ein Zitat der bei uns so verehrten Rosa Luxemburg wirklich Gedanken. Auch wenn ich den Satz zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig begriff, erschütterte mich, dass ihn nicht mal unsere Deutschlehrerin kannte.

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Ich sah in die Gesichter meiner Freunde. Auch sie lauschten gespannt der Reportage. Wir hörten, dass sich die Szenen ganz in unserer Nähe am Frankfurter Tor abgespielt hatten. Wir waren nur deshalb dort nicht angetreten, weil die Teilnahme an der Demo freiwillig gewesen war. Als ich vom Radio wieder auf das Kassettenfach wechselte, brüllte Andi: “Freiheit ist trotzdem immer auch die Freiheit des Andi!” – und nahm einen großen Schluck aus der Pulle. Allmählich kehrte die Farbe in unsere Gesichter zurück. Wir grinsten und waren wieder 16-jährige Jungs mit allerlei Flausen im Kopf.

Es war genau diese “Freiheit der Andersdenkenden” – so das korrekte Zitat auf dem Plakat des 17. Januars 1988 – welche den Anfang vom Ende der DDR einläutete. In die Fänge der Stasi gerieten an diesem Tag Mitglieder der Berliner Umweltpolitik, ein bekannter Liedermacher und Mitglieder der Initiative für Frieden und Menschenrechte. Viele von ihnen setzten sich für Reformen und für die Aufhebung von Berufsverboten ein. Einige der Demonstranten wurden alsbald ausgebürgert – oder vom Westen freigekauft.

Niemand kuschte mehr

Es begann eine Zeit, in der sich niemand mehr versteckte und Menschen, die die DDR verlassen wollten, dies auf Plakaten, Handzetteln oder bei spektakulären Aktionen offen zeigten. Auf die Frage “Wer war das?” lautete die Antwort nun immer öfter: “Ich!”. Die friedliche Revolution hatte begonnen, und die Zahl dieser Menschen nahm bis zum November 1989 ein für die alten SED-Herrscher immer bedrohlicheres Ausmaß an.

Erst heute, über 20 Jahre danach, habe ich begriffen, dass ich diese Anfänge unmittelbar miterlebt habe. Für mich begann “die Wende” in meinem geliebten Friedrichshain schon im Dezember 1987 mit einem Spruch an der ungeliebten Nachbarschule “Rosa Luxemburg”. Der Revoluzzer der ersten Stunde war damals nur bis zum “A” gekommen – und bis heute frage ich mich: “Wer war das?”

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Auf der Suche nach dem Glück

8. April 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Dies ist ein kurzer Auszug aus meinem soeben erschienenen Buch “90 Minuten Südamerika”.

Im Fischerörtchen Taganga an der Karibikküste Kolumbiens treffen wir eine Spezies, der wir aufgrund unserer Reiseroute lange erfolgreich aus dem Weg gegangen waren. Es sind nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern regelrechte – vorzugsweise englisch, hebräisch und französisch sprechende – Backpackerhorden. Alle Hotels direkt am Strand sind von ihnen blockiert und stylishe Typen und gackernde Bikini-Püppchen beobachten hinter schwarzen Marken-Sonnenbrillen, unsere Suche nach einem geeigneten Quartier.
Für die globalisierte Gemeinschaft der „Lonely Planet Generation“ scheint dieser Ort der Endpunkt ihres Südamerika-Kreuzzuges zu sein, denn tatsächlich liegen auch zwei Schottinnen im Sand, die wir zuletzt kotzend in Nordargentinien gesehen hatten. Sie wären seit Monaten mit der gleichen Truppe unterwegs gewesen, berichten sie stolz, und sind nach Bolivien, Peru und Ecuador nun in Kolumbien gelandet. Die coole Gang hatte fast alle wichtigen Inkaruinen, Berggipfel, Flussläufe und Wasserfälle des Kontinents gesehen und auf tausenden Digitalfotos verewigt. Ob in großen Städten oder bei zurückgezogenen Indiostämmen, überall hätten sie extrem gechillt und legendäre Partys gefeiert. „Amazing!“, ist ihr bevorzugtes Wort.
Als wir uns von den Hühnern verabschieden, denke ich darüber nach, was mich von diesen stumpfsinnigen und dennoch so unbekümmerten Rucksackreisenden auf unserer Reise unterschieden hatte. War ich gebildeter, kultivierter oder niveauvoller gewesen? Nein! Auch ich war in Landschaften und Orte gereist, in denen ich mit meinem weißen Arsch eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatte. Oftmals ohne Sinn und Verstand war ich durch vormals unberührte Landschaften gefahren und in eine heile Welt mit bis dato glücklichen Menschen eingedrungen, die von mir weder etwas brauchten noch etwas lernen konnten. Allein durch mein Erscheinen hatte ich vielleicht ein letztes Stück Paradies zerstört.

Was werde ich also zu Hause erzählen auf die Fragen: „Was hat dir die Weltreise gebracht? Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?“ Wir haben nur noch wenige Tage bevor es zurück nach Deutschland geht. Ich nehme mir vor, nun endlich auf eine intensive Suche zu gehen.

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Speed dating

10. March 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Das Jahr nähert sich dem Ende. Permanente Jahresrückblicke, die alles noch mal durchkauen, womit man so zurechtkommen musste, lassen daran gar keinen Zweifel aufkommen. Das Seltsame ist, dass Silvester an sich ja völlig bedeutungslos ist. Lediglich ein Datum und ein willkommener Anlass, Party zu machen. Dazu gibt’s quasi eine Pflicht. Zeig, dass Du noch Leben in Dir hast. Gib Dir richtig die Kante. Kompromisslos. Amüsier Dich gefälligst. Das ist der einzige Ausweg.

Und alle versuchen sie verzweifelt, der Realität einen vermeintlich glamourösen Anstrich zu geben. Sämtliche Hilfsmittel sind hierbei erlaubt.

Alex ist jetzt 21 Jahre alt und mit dem Thema durch. Alkohol fand er schon immer widerlich und was die Drogen betrifft. Na ja. Versucht hat er es immerhin. Redlich  bemüht war er sozusagen. Ist ja nicht so, dass ihm das Schicksal bisher nur glitzernden Sternenstaub ins Leben gepustet hat. Wie oft schon hatte er das Bedürfnis, sich so richtig wegzuballern. Einfach mal für einige Stunden restlos mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

Am zuverlässigsten hatte das ja immer noch mit XTC  funktioniert. Viel unschädlicher als Saufen außerdem. Amsterdam Playboys wurden die Pillen genannt. Alex muss grinsen. Allein dieser bescheuerte Name. Und das dämliche Gequatsche dazu:

„Es heißt immer, man stirbt am Tod.  Aber das stimmt nicht. Man stirbt an Langeweile und Gleichgültigkeit.“  Stammt angeblich von Iggy Pop, diese Weisheit.

Dumm war nur, dass die Pillen auf  Dauer Langeweile und Gleichgültigkeit eben nicht mehr vertrieben sondern sich diese Gefühle binnen kürzester Zeit vertausendfachten.

Und einen Haufen neuer Ängste gabs zudem gratis obendrauf.

Außerdem hatte er das Gefühl, dass plötzlich Hinz und Kunz Drogen nahm, um sich wild und gefährlich zu fühlen. Klar in Berlin sowieso, aber garantiert befeuerten auch die Leute aus den Dörfern und Kleinstädten so die Stimmung auf ihren Feuerwehr- und Maibaumfesten.

„Meide alles, was der Masse gefällt“ war wohl unbewusst schon immer sein Lebensmotto. Wahrscheinlich sein Glück. Viel zu lange bereits war er hochkonzentriert und auf Zehnspitzen durch sein sogenanntes  Leben balanciert, das sich meistens eher wie ein Minenfeld anfühlte.

So richtig glücklich war er wohl nur bis zu seinem dritten Lebensjahr. Stundenlang hat er sich als Kind alleine beschäftigen können, endlos die immer gleichen Kassetten gehört und Abenteuergeschichten für seinen heißgeliebten Stoffhund Schoko erfunden. In dieser Phase seines Lebens mochte er noch die ganze Welt. Und dann zack! kam erst der Kindergarten, wo es noch so halbwegs funktionierte. Obwohl er auch dort schon am zweiten Tag nicht mehr hingehen wollte und sich daraufhin die erste Ohrfeige überhaupt von seinem Vater einfing. Viele sollten noch folgen.

Doch der Alptraum begann erst so richtig, als er dann eingeschult wurde. Den ganzen Sommer davor hatten seine Eltern ihm eingetrichtert: „ Du hast so ein Glück, darfst in die Schule gehen. Du bist jetzt ein großer Junge. Schau Dir mal den feinen Ranzen an. Ganz viele tolle Dinge wirst du dort lernen“.

Die Schule wurde zum Drama. Die Lehrer runzelten die Stirn, bestellten seine Eltern ein, schrieben ihm das Mitteilungsheft voll. Seine Mutter heulte, sein Vater brüllte. Oder es war das Gegenteil, seine Mutter schrie und sein Vater sagte nichts. Sie so zu sehen, machte ihn nur noch unglücklicher. Aber was sollte er tun? Was sollte er ihnen sagen? Immer, wenn er den Mund aufmachte, wurde es noch schlimmer. Seinen Eltern fiel nichts anderes ein, als immer wieder nur: „Du musst mehr lernen! L-E-R-N-E-N!“

Er hätte ja gerne mehr gelernt. Dann hätten sich vielleicht auch seine Eltern wieder besser verstanden. Das Problem war nur, dass es ihm nicht gelang. Alles, was in der Schule vor sich ging, kam wie vor wie chinesisch. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Zu Hunderten von „Fachleuten“ wurde er geschleppt: Augenärzte, Vertrauenslehrer, Logopäden, Psychologen. Völlig sinnlos, man hätte ihn nur einmal zu fragen brauchen. Die Wahrheit war simpel: Die ganze Schule interessierte ihn nicht. Nullkommanull. Er war sechs Jahre alt und hatte schon alles satt.

Als dann irgendwann feststand, dass er die vierte Klasse würde wiederholen müssen und seine Eltern sich jeden Tag nur noch anbrüllten (was, wie er damals glaubte, einzig und allein seinem kläglichen Versagen geschuldet war), retteten ihn schließlich seine Großeltern. Der unsägliche Kreislauf von Magenschmerzen und Schulangst sollte ein Ende haben.

Opa tauchte eines Abends kurz vor den Sommerferien bei ihnen auf, redete zwei Stunden mit seinen Eltern und drückte Alex zum Abschied lange an sich: „Die Sommerferien verbringst Du bei Oma und mir in Caputh. Wir freuen uns schon auf Dich. Vorher haben wir beide aber noch eine kleinen Termin hier in Berlin“.

Bei diesem wurde dann festgestellt, dass er „hochbegabt“ war. Aha?!

Und anschließend verbrachte er die glücklichsten sechs Wochen seines Lebens in Brandenburg.

Wie heißt es doch so schön? Jeder bekommt in seinem Leben Gelegenheiten, die er in Glück verwandeln kann. Die Kunst ist es, diese Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen.

Alex zumindest genoss jeden einzelnen Tag auf dem Reiterhof neben dem Haus seiner Großeltern. Er striegelte die Ponys, mistete aus, schleppte Strohballen und Säcke voller Hafer- und durfte Reitstunden nehmen. Oma und Opa hatten nichts dagegen, im Gegenteil, sie ermutigten und spornten ihn an. „Vor Tieren muss man sich nicht fürchten. Dann schon eher vor den Menschen“, war Großmutters Standardspruch.

Nach den Ferien wechselte er dann auf eine neue Schule, die Opa ausgesucht hatte, und auf seine Fähigkeiten ausgerichtet war. Seine Eltern beruhigten sich ein wenig und Alex fühlte sich nicht mehr komplett fehl am Platz.

Das Wichtigste in seinem Leben waren jetzt ohnehin Pferde und Reiten. Er durfte auch in Berlin weiterhin Unterricht nehmen.

Mittlerweile ist er mit der Schule fertig und hat vor einem halben Jahr die Ausbildung zum Reittherapeuten in den Reitsportanlagen am Olympiastadium begonnen.

Er liebt seine Arbeit mit diesen „besonderen“ Kindern. Einfühlungsvermögen, Geduld, Disziplin und Konzentration sind unbedingte Voraussetzungen für diesen Beruf. Kein Problem mehr für Alex. Er fühlt sich speziell den Kindern mit Down-Syndrom außerordentlich nahe. Deren Entwicklungsmöglichkeiten wurden ja lange sträflichst unterschätzt- im Prinzip genau wie bei ihm.

Außerdem besitzen diese Menschen, die doch gemeinhin als „eingeschränkt“ gelten, die wohl kostbarste Gabe überhaupt: sie sind zu grenzenloser Liebe fähig. Zu einer Liebe ohne wenn und aber.

Er braucht sich ja den fünfjährigen Leo beispielsweise nur anzugucken. Wenn er ihn an der Longe hat, Leo dann völlig versunken selig seine Arme um den Hals der sanftmütigen Haflingerstute Bambi schlingt und sein Gesicht in die weiche Pferdemähne schmiegt. Oder wenn der kleine „Reitschüler“ seine ältere Schwester Julia anstrahlt, die ihn häufig zu seinen Therapiestunden begleitet und von der Tribüne aus Kusshände in die Reithalle wirft. Liebe pur ist das. Rein und unverfälscht, so kommt sie Alex vor.

Hingerissen ist er übrigens auch von der siebzehnjährigen Julia. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er wirklich verliebt und ihr gehts zum Glück genauso. Ganz langsam und behutsam lassen sie es angehen. Händchenhalten, küssen, stundenlanges Reden, mehr war noch nicht. Die erste gemeinsame Nacht werden sie Silvester verbringen.

Gott, wie anders war das noch bis vor einigen Jahren. Mit der Schule lief es zwar jetzt, Leere und Sinnlosigkeit hatten sich dennoch, trotz des Reitens, in Alex Leben geschlichen. Das Gefühl, völlig unverstanden zu sein, beherrschte alles. An seiner Zimmertür hing jetzt ein Schild mit der Aufschrift Hier verblödet ein Genie.

Das erste Mal XTC hatte er in einem Club mit seinem damaligen Kumpel Mike genommen. Zuerst wirkte die Pille ziemlich stark und Alex wurde flau. „Nicht dagegen ankämpfen, Alter“, hatte Mike geraunt, „Lass sie kommen“.  Dann spürte er es. Zuerst in den Armen, der Wirbelsäule, schließlich in seinem ganzen Körper. Ein prickelndes, aufschießendes Gefühl. Die Musik, die zuvor noch genervt hatte, weil sie hektisch und abgehackt klang, drang jetzt von allen Seiten ihn ein, schien durch seinen Körper zu rauschen. Auf dem Weg zur Toilette, er wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten, schien es ihm, als würde er nicht gehen, sondern in seiner eigenen mystischen Aura dahinschweben. All diese wunderschönen Menschen lächelten ihn an und sahen aus, wie er sich fühlte. Die Pille knallte jetzt rein, ihm flog die Schädeldecke weg, er schäumte über vor Energie und brillanten Einfällen.

„Auf XTC kannst Du super Sex mit völlig Fremden haben. Ohne Drogen ist so was gar nicht möglich, artet außerdem in Arbeit aus“. Hatte Mike ihm gesagt. Und so wars auch. Alex konnte nahezu jedes Mädchen dazu bringen, mit ihm ins Bett zu gehen. Damals war es ausschließlich die Eroberung, die ihn reizte. An echter Hingabe oder Seelenverwandtschaft war er rein gar nicht interessiert.

Mike hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, bis sie sich vor zwei Wochen zufällig über den Weg liefen. In seiner Freizeit, von der er reichlich hat, verkauft dieser jetzt Drogen im großen Stil und dämmert ansonsten im Nichtstun vor sich hin.

„Und Du? Gibst immer noch Mongos Reitunterricht?“ Alex war kurz davor gewesen, ihm ein paar reinzuhauen. Mike sah völlig unverändert aus: Von weitem noch ganz gut,  beim Näherkommen entdeckte man dann aber sofort die fahle Haut, den flackernden Blick und die schlechten Zähne.

Silvester. Alex und Julias großer Tag. Der Plan: Sie werden den Abend und die Nacht bei Julia und Leo zuhause verbringen. Deren alleinerziehende Mutter wird bei ihrer Schwester feiern und dort auch übernachten.

Als Alex um 19.00 Uhr bei Hausers klingelt, ist er schweißgebadet. Hätte er sich doch bloß nicht darauf eingelassen. Wieso hat er sich auch von diesem Scheiß-Mike bequatschen lassen. Nur bis heute einen riesigen Plastikbeutel voller Pillen für ihn aufzubewahren, weil Mike schon Stress mit den Bullen hat und das Zeug nicht in seiner Wohnung lassen kann. In knapp einer Stunde wird er sich kurz mit ihm am Volkspark Rehberge treffen, der liegt direkt bei Julia und Leo um die Ecke. Mike wird Alex  300 Euro fürs Aufpassen  geben und davon wird dieser dann Julia zu einem Paris Wochenende einladen. Paris. Dafür kann man schon mal einen kleinen Schweißausbruch in Kauf nehmen.

Und Mike wird heute Nacht das Geschäft seines Lebens machen.

Puh. Die ganze Zeit, und vor allem eben in der U-Bahn, hat ihn dieser verfickte Beutel in den Wahnsinn getrieben und ihm förmlich ein Loch in seine Jackentasche gebrannt. Aber ist ja alles gut gegangen. Niemand hat ihn unterwegs verhaftet.

Frau Hauser ist schon gegangen. Leo, der bis eben auf dem Wohnzimmerboden mit Playmobil gespielt hat, stürzt ihm zur Begrüßung in die Arme. Julia lächelt ihr spezielles Julia-Lächeln, ihr Gesicht ist jung und weich. Alles ist gut. „Guck, mal Leo, habe ich für unsere Feier mitgebracht.“ Alex wirft seine Jacke auf den Sessel und zieht Luftschlangen, ein Set zum Bleigießen sowie ein großes Kuchenpaket mit Pfannkuchen aus seinem Rucksack. „Und hier. Raketen. Die feuern wir um Mitternacht ab. Weißt Du, wieso man das macht, Leo? Damit sollen die bösen Geister vertrieben werden.

Julia zieht ihn in die Küche, damit er ihr bei der Lasagne, Leos Lieblingsessen, helfen kann. Im Wohnzimmer beschäftigt sich der Kleine währenddessen fasziniert mit den Luftschlangen. Wenn hier jemand Geister vertreiben kann, dann Du, denkt Alex, als er Julia von der Seite beim Béchamelsauce rühren beobachtet. Meine Dämonen nämlich und die ganze beknackte Vergangenheit gleich mit.

Als die Lasagne im Ofen ist und sie sich gerade küssen, ertönt aus dem Nebenraum plötzliches ein dumpfes Poltern.

Alex erreicht zuerst das Wohnzimmer. Leo kauert auf dem Fußboden. Seine Augen sind weit aufgerissen, Schaum läuft ihm aus dem Mund. Der geöffnete Plastikbeutel liegt auf dem Tisch. Die weißen und rosa Pillen mit Delphin und Kleeblattaufdruck sind überall verstreut.

Der Krankenwagen trifft fast gleichzeitig mit Mikes SMS ein: Wo bleibst Du, Alter? Die Leute wollen Party machen.

 

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Mein letztes Mahl

5. March 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Nicht, das ich es eilig hätte- ganz im Gegenteil! Aber irgendwann kommt diese gewisse Stunde und damit es dann keine Missverständnisse gibt, oder gar Streitereien um dunkles Holz und teure Messingbeschläge, um seidene Kopfkissen und preiswerte Varianten aus Kiefern- Imitat, damit also niemand sagen kann: “Wenn wir das nur früher gewusst hätten!“, hier eine ausführliche Anleitung für Jeden, den es interessiert:

Ich möchte in einem Schokoladensarg beerdigt werden!

Es muss aber unbedingt dunkelglänzende Zartbitter- Schokolade sein. Um Himmels Willen keine Vollmilch- Nuss oder Kinderschokolade oder- vielleicht das Schlimmste- Schokolade mit Erdbeer- Joghurt- Füllung. Und bitte Niemals Niemals Niemals Kalorienreduzierte Diätschokolade verwenden!

Die Wände müssten natürlich schon eine gewisse Dicke haben, damit sich das auch lohnt und damit der Boden sich selbst bei Hitze nicht gleich durchbiegt. Das wäre mir peinlich. Die notwendige Statik kann jede gute Konditorei ausrechnen. Ringsherum sollen Trüffel kleben. Immer schön abwechselnd helle Champagnertrüffel mit sahnig-perlender Füllung und pechschwarze Herrentrüffel mit cremigem Espressoschaum. Auf den Sargdeckel soll der Konditormeister die komplette Palette aller schokoladigen Geschmacksrichtungen platzieren: Von „Chilipfefferscharf“ bis „Extradoppeltsüß“! Und mit russischem Brot möchte ich meinen vollständigen Vor- und Zunamen mit Puderzucker aufgeklebt wissen. Das könnten zum Beispiel meine Enkelkinder übernehmen, sollte ich dann welche haben. Kunstvolle Ornamentik aus Cognac- Bohnen runden das geschmackvolle Bild ab. Ein kleiner, würdevoll plätschernder Schokoladenbrunnen steht an meinem Fußende. Dort hinein tunkt man frische Früchte- je nach Jahreszeit vielleicht Erdbeeren oder Mandarinenstückchen und lässt diese Köstlichkeiten dann ganz langsam auf der Zunge zergehen.

Von Innen soll die Köstliche Kiste natürlich noch leckerer sein, ist klar, oder.

Ein Kopfkissen aus Luftschokolade, eine Decke aus fein gesponnenem Zucker mit Rosen aus Marzipan und zwischen die Zehen stopft mir bitte Geleebananen. Über meinem Körper hängen blutrote Fruchtgummi- Kirschen, hauchdünne Pfefferminztäfelchen und quietschebunte Gummibärchen. Auf meine Wangen tropft dickflüssiger Türkischer Honig und betörend duftendes Karamell kriecht mir in die Mundwinkel.

Bei der Beerdigung darf jeder einmal lecken oder lutschen oder gerne auch knabbern am Sarg. Aber nur Außen. Mein letzter Eindruck soll ein sinnlicher sein, ich möchte einen guten Geschmack hinterlassen.

Und ist der Sarg schließlich herabgelassen worden in die warme Mutter Erde, sprüht bitte letzte Grüße mit Sahne hinterher.

Wenn ich dann so gemütlich und in aller Seelenruhe genüsslich vor mich hinmodere, habe ich die Nase voller guter Dinge. Und die Natur freut sich genauso: Eifrige Würmer, glänzende Käfer und fette Larven werden sich voller Begeisterung auf meine süße Hülle stürzen. In Windeseile wird sich das Herumsprechen in Untererde: Hier gibt’s was Neues. Leckerschmecker!

So ein Schokoladensarg ist also in mehrfacher Hinsicht perfekt! Ökologisch sauber, Rückstandslos aufessbar, schön anzusehen.

Appetitlich!

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