Archive for March 2011

“Rusalka” oder “Ein Schaf wittert Opernluft!”

28. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Schaf hat leider über den Winter ordentlich Sitzfleisch zugelegt und besteht seit Wochen darauf, weniger Sport und mehr Sessel-betonte Kulturveranstaltungen zu absolvieren. Aus gesundheitlichen Gründen wäre ich ja doch eher für Jogging durch den Volkspark Schöneberg (das Schaf joggt, ich feuere es an!), aber was will ich machen- das Vieh ist stur und so musste ich wohl oder übel als Begleitung mit in die Oper und ins Theater.
Zunächst die Oper: das Schaf bestand auf der Komischen Oper, weil es endlich mal wieder ordentlich lachen wollte. Alle Einwände waren vergebens, es glaubte mir einfach nicht, dass es da selten komisch zugeht. Also sahen und hörten wir RUSALKA, die bekannteste Oper des als Opernkomponist wenig bekannten Anton Dvorak. Rusalka basiert auf dem tragischen Mythos der Meerjungfrau, die sich in einen Menschen verliebt und um seinetwillen zur Menschenfrau wird, allerdings unter dem Fluch, niemals sprechen zu können und vor allem nicht zurückkehren zu dürfen, falls die Liebe unerwidert bleibt. Im Gegensatz zu den frohsinnigen Opern eines Mozart geht die Geschichte fast übermäßig tragisch aus und Dank der wundervollen, in jeder Hinsicht bezaubernden Interpretation des Regisseurs und seines Ensembles zerfloss das Schaf am Ende in Tränen.
Die Kraft der Bilder, die lyrische Musik und vor allem die schauspielerisch überzeugende Leistung der Sängerinnen und Sänger hat auch für mich den Abend zu einem großen Erlebnis gemacht, das ich allen Theater- wie Musikfreunden nur warm, wärmer, am wärmsten empfehlen kann.
Zum Theater sei gesagt, dass das Schaf unbedingt mal was über die Weiterverarbeitung seiner Wolle lernen wollte und wir daraufhin in die „Weber“ von Gerhard Hauptmann ins Deutschen Theater gegangen sind. Wie es uns dort ergangen ist, berichten wir in Kürze an gleicher Stelle und auf gleicher Welle! Mäh!

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Ein Schaf beim Fußballfilmfestival in Berlin

26. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Ein unerhörtes Schaf hat es sich gestern nicht nehmen lassen, beim 8. Internationalen Fußballfilmfestival “11-mm” im Kino Babylon in Berlin vorbeizuschauen.
Der Eröffnungsfilm “Tom meets Zizou” war tatsächlich sehr sehenswert – eben auch für Leute, die eigentlich nichts mit dem runden Leder am Hut haben.
Noch bis zum 30.03.2011 werden diverse Filme gezeigt, die sich mit dem “Phänomen Fußball“ und der überraschend vielfältigen Sichtweise auf dieses Thema beschäftigen.
Die Filme sollen laut Veranstalter “die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe des Sports, der an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit Norm und Rebellion, Reichtum und Armut, Gemeinschaftsgefühl und Fanatismus bedeuten kann”, zeigen.
Da dort auch einige Filme aus oder über Südamerika gezeigt werden, wird sich das Schaf wohl auch noch ein-zweimal dorthin auf den Weg machen. Samstag Abend läuft beispielsweise der Streifen “The Two Escobars” – eine besonders tragische Geschichte aus Kolumbien.

Hier gehts zum Fußballfilmfestival

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Unerhörtes Schaf auf der Buchmesse gesichtet

20. March 2011 | von | Kategorie: Blog

 

Die Aufregung wächst. Vom Hauptbahnhof Lääpsch aus fährt der Unerhörte mit einer Tasche voller ungehobener literarischer Schätze gen Messegelände. Leider ist die Straßenbahn so von Messebesuchern und Schulkindern (Wandertag) überfüllt, dass er keinen Sitzplatz finden kann. Das kleine Kapitalistenschaf wäre beinahe vom Autor getrennt worden, da es in der Tür steckenblieb und dadurch um ein Wollknäuel in zwei Hälften geteilt worden wäre. Noch mal gutgegangen, das Schaf ist drin und transpiriert so heftig, dass sämtliche Scheiben beschlagen. Fast eine halbe Stunde dauert die Fahrt zur Messe, gefühlte drei Stunden.
Endlich die Ankunft am Messegelände. Orientierungsschwierigkeiten. Haupteingang, Eingang für Aussteller, Eingang für Fachbesucher,… aha! Eingang für unerhörte, verkannte und vergessene Autoren, Eingang für Rindviecher, Schweinepriester… Schafe und andere Wolltiere! Na also… wir treffen uns hinter der Schranke wieder. Dann die 2. Orientierungshürde: 4 Hallen voller Bücher und Verlage, in der Mitte die Fernsehsender, die monopolistisch über die Konkurrenz, die Erhörten, berichten – das Kapitalistenschaf murmelt etwas von Weltverschwörung. Überall zeigen sich die Erhörten von ihrer besten Seite und geben ein Interview nach dem anderen. Gut im Rennen liegen Sachbuchautoren mit praxisorientierten Titeln und Themen à la “Wie überlebe ich meinen Mann?“ oder „Der 1A-Karriereplaner für Ihre hochbegabten Drillinge“.

Huch, wo ist denn das Schaf geblieben? Hat sich selbständig gemacht…
Für mich interessant ist der Abschnitt mit dem Schwerpunkt Kinderbuch. Kinderhorden wuseln um mich herum, kucken mich scheel an, dass ich in IHRE Bücher kucke und reißen mir die Werke mit eindeutigem Besitzanspruch aus den Händen. Hinfort, sonst werde ich von den kleinen Bestien noch gelyncht. Ein benachbarter Schwerpunkt ist der Comicbereich. Hier versammeln sich allerdings vor allem Manga-Anbieter und unzählige jugendliche Fans, die massenhaft in buntesten Mangahelden-Kostümen umherspazieren. Manche tragen täuschend echte Samurai-Schwerter mit sich… bloß weg hier!
In den Belletristikbereichen, die sich über alle Hallen verteilen, fragt der Unerhörte kleinlaut und devot an den Informationsständen der Großverlage nach, ob man einem Lektor sein Manuskript vorstellen könne. Doch er wird jedes Mal mit einem Info-Blatt abgewimmelt, auf dem die Bedingungen der Verlage stehen. Bei Nichtbeachtung dieser großherzigen Klauseln droht das Recht der Scharia oder das Strafrecht für chinesische Staatsfeinde.
In Halle 5 mache ich ein paar Entdeckungen. Hier treffen sich Illustratoren, die Illustratoren-Organisation stellt sich vor, Zeichner berichten von ihren Erfahrungen. Die Illustratorenorganisation ist sehr gut organisiert und berät ihre Mitglieder in allen Bereichen wie Vertragsrecht, angemessene Vergütung etcetera. Sowas könnten Autoren auch gebrauchen. Bei Books on Demand ist zu meiner Freude das Buch eines anderen unerhörten Autors, Mark Scheppert in mehreren Exemplaren ausgelegt. An diesem Stand gibt es, sofern man sich eine Weile von einer Angestellten beschwatzen lässt, kostenlosen Cappucchino, und der ist wirklich hervorragend. Schade, dass das Schaf ihn nicht kosten kann.
Am Ende des Tagens, nach kilometerweiten Gängen und Verläufen durch das Labyrinth der Bücherhallen, schleicht der Unerhörte, mit kiloschweren Katalogen und Visitenkarten-Sammlungen belastet, langsam, mit Rücken-, Hals- und Nackenschmerzen sowie platten Füßen zum Ausgang. Zu seiner Freude entdeckt er schon von weitem das Kapitalistenschaf, das dort auf ihn wartet. Doch oh Graus, was ist ihm widerfahren? Es ist angewachsen zu gigantischer Größe und sieht neben dem ZDF-Pavillon aus wie ein eigenes begehbares Ausstellungsstück. Wie konnte das geschehen?
Der Unerhörte bemerkt, dass überall Sicherheitsleute umherrennen, die von Bücherdiebstählen im großen Stil stottern. Halle 3 und 4 wurden unter den Augen der Besuchermassen leergeräumt. Man ist ratlos, verzweifelt, bestürzt.
Das Schaf zwinkert mir zu und muss aufstoßen. Der Duft frisch gedruckter Bücher steigt mir in die Nase. Alles klar. Kapitalistisch gut gemacht, Raubtier!

Wir verlassen vorsichtig das Messegelände. Keiner schöpft Verdacht.
Das Schaf stopft sich in die Straßenbahn und verdrängt so eine Horde der lästigen Messebesucher. Danke für den Sitzplatz, Schaf! Ab geht´s, durch Lääpsch, dann zurück nach Berlin, in die Metropole der Unerhörten Literatur.

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Tortenschlacht in Kreuzberg

13. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Fasten? Bis Ostern? Um sich danach dann umso gieriger auf die Medaillons vom Milchlamm zu stürzen? Nix da. Askese und schmallippiger Verzicht liegen dem Schaf und mir nicht.

Wir lieben Kuchen! Er muss nur unbedingt selbstgebacken sein und darf keinesfalls aus Biskuitteig bestehen.

Manchmal reicht auch schon der Duft. Ich habe ja das Glück, dass der Mann meines Herzens ein (Hobby) Zuckerbäcker de luxe ist, und so rufe ich an besonders fiesen Tagen schon mal geschwächt aus: „ Mach, dass es nach Kuchen riecht“.

Und wenn die Wohnung kurz darauf verführerisch nach Brownies oder Hefezopf riecht, geht’s mir normalerweise schlagartig besser. Meine Tochter ist übrigens auch schon eine kleine Zucker-Fee: Köstlich, ihr Fantakuchen.

Heute Nachmittag machten wir uns alle mit dem Fahrrad auf nach Kreuzberg. Unser Ziel: Mr. Minsch in der Yorckstraße. Das Schaf nahm hoheitsvoll im Fahrradkorb Platz und ließ sich den lauen Frühlingswind ums rosa Schnuppernäschen wehen. Einmal hätte ich schwören können, dass es leise  sang. Es klang wie Ein Vogel wollte Hochzeit machen.

Andreas Minsch zeigt, dass man keine Riesenkonditorei braucht, um köstlichste Gaumengenüsse zu fabrizieren. Durch ein Schaufenster blickt man in sein blitzblankes Zauberreich und kann dem Meister bei seinem (Kunst) Werk auf die Finger schauen. Man erhält das Stück seiner Begierde dann durch ein offenes Fenster gereicht, und nimmt damit an den kleinen Tischen mit bunten Tulpensträußen darauf Platz.

Und dann Attacke! Wir schlemmten uns durch Blaubeer- Mascarpone, Fränkische Apfeltorte und Schweizer Haselnusskuchen und schwebten im süßen Kuchenhimmel.

Auf dem Rückweg war ich mir dann ganz sicher. Das Schaf, jetzt verziert mit einem Blaubeerfleck am Kinn, murmelte ein Gedicht. „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“

Mr. Minsch, Yorckstrasse 15, täglich geöffnet 12.00-18:30. Stück Kuchen (und die sind groß) 3€, ganze Torten ab 27€

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Romy Schneider- zwei Gesichter einer Frau

12. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Seitdem das Schlosspark Theater so schön im neuen Glanz erstrahlt, kann man auch in Steglitz wieder richtig tolle Aufführungen sehen. Bereits letzten Dezember besuchten das Schaf und ich Chris Pichlers umwerfende Vorstellung Romy Schneider- zwei Gesichter einer Frau und waren absolut hingerissen.

Sporadisch gastiert die österreichische Schauspielerin des Jahres 2008, Chris Pichler, mit ihrem gefeierten Soloabend über Romy Schneider auch immer mal wieder in Berlin. So also auch morgen, Sonntag, dem 13.03.2011.

Das Programm ist aus Briefauszügen, Texten und Tagebuchaufzeichnungen von Romy Schneider zusammengestellt, die über sich selber urteilte: „Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Bühne“.

Chris Pichler zeigt Romys Lebenskampf, das Ringen mit ihrer katholischen Erziehung, die heiteren Sissi-Anfänge, ihr Erblühen in Paris, das Scheitern ihrer Beziehung mit Alain Delon bis zu ihrem Verglühen und dem tragischen frühen Lebensende in einer unglaublichen Intensität. Der Moment vom grausamen Tod ihres Sohnes ist von einer solch tiefgehenden und herzzerreißenden Tragik, dass einem der Atem stockt und sich dem Schaf beim Gedanken daran noch immer die Löckchen im Nacken aufstellen.

Schlosspark Theater. Die Karten kosten zwischen 17,50 und 20,50 €.

13.03.2011. Vorstellung um 16.00 Uhr.

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Robert Mapplethorpe Retrospektive

11. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Gestern durfte unser Kapitalisten-Schaf mit nach Mitte, um sich gemeinsam mit mir die großartige Robert Mapplethorpe Retrospektive im C/O Berlin anzusehen.

Wir waren beide hellauf begeistert, obwohl einige Fotografien das Schaf etwas verlegen machten, und es sich in Folge kurzfristig rosa bis über beide Plüschohren  verfärbte (Das kleine Unschuldslamm).

Robert Mapplethorpe, geboren 1946 in New York, war einer der bedeutendsten Fotografen des 20.Jahrhunderts. Das Postfuhramt in der Oranienburger Straße zeigt noch bis zum 1. Mai 2011  knapp 200 Bilder aus seinem Gesamtwerk. Zu sehen sind  makellose Körper (Mapplethorpe wollte ursprünglich Bildhauer werden), explizit sexuelle Handlungen und Experimente, schlichte Blumen Stillleben sowie Porträts von Andy Warhol, Debbie Harry, Grace Jones und natürlich Patti Smith.

Patti Smith und Robert Mapplethorpe waren Seelenverwandte, einige Jahre ein Liebespaar und blieben bis zu seinem Tod eng befreundet. Das Cover von Patti Smith` legendärem Album „Horses“ stammt ebenfalls von Mapplethorpe.

Er starb 1989 an den Folgen seiner HIV Infektion.

Und wer noch mehr über Robert Mapplethorpe und eine der wohl einflussreichsten und stil prägenden Künstlerin aller Zeiten wissen möchte, dem sei an dieser Stelle ganz dringend Patti Smith` Buch Just Kids ans Herz gelegt.

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Speed dating

10. March 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Das Jahr nähert sich dem Ende. Permanente Jahresrückblicke, die alles noch mal durchkauen, womit man so zurechtkommen musste, lassen daran gar keinen Zweifel aufkommen. Das Seltsame ist, dass Silvester an sich ja völlig bedeutungslos ist. Lediglich ein Datum und ein willkommener Anlass, Party zu machen. Dazu gibt’s quasi eine Pflicht. Zeig, dass Du noch Leben in Dir hast. Gib Dir richtig die Kante. Kompromisslos. Amüsier Dich gefälligst. Das ist der einzige Ausweg.

Und alle versuchen sie verzweifelt, der Realität einen vermeintlich glamourösen Anstrich zu geben. Sämtliche Hilfsmittel sind hierbei erlaubt.

Alex ist jetzt 21 Jahre alt und mit dem Thema durch. Alkohol fand er schon immer widerlich und was die Drogen betrifft. Na ja. Versucht hat er es immerhin. Redlich  bemüht war er sozusagen. Ist ja nicht so, dass ihm das Schicksal bisher nur glitzernden Sternenstaub ins Leben gepustet hat. Wie oft schon hatte er das Bedürfnis, sich so richtig wegzuballern. Einfach mal für einige Stunden restlos mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

Am zuverlässigsten hatte das ja immer noch mit XTC  funktioniert. Viel unschädlicher als Saufen außerdem. Amsterdam Playboys wurden die Pillen genannt. Alex muss grinsen. Allein dieser bescheuerte Name. Und das dämliche Gequatsche dazu:

„Es heißt immer, man stirbt am Tod.  Aber das stimmt nicht. Man stirbt an Langeweile und Gleichgültigkeit.“  Stammt angeblich von Iggy Pop, diese Weisheit.

Dumm war nur, dass die Pillen auf  Dauer Langeweile und Gleichgültigkeit eben nicht mehr vertrieben sondern sich diese Gefühle binnen kürzester Zeit vertausendfachten.

Und einen Haufen neuer Ängste gabs zudem gratis obendrauf.

Außerdem hatte er das Gefühl, dass plötzlich Hinz und Kunz Drogen nahm, um sich wild und gefährlich zu fühlen. Klar in Berlin sowieso, aber garantiert befeuerten auch die Leute aus den Dörfern und Kleinstädten so die Stimmung auf ihren Feuerwehr- und Maibaumfesten.

„Meide alles, was der Masse gefällt“ war wohl unbewusst schon immer sein Lebensmotto. Wahrscheinlich sein Glück. Viel zu lange bereits war er hochkonzentriert und auf Zehnspitzen durch sein sogenanntes  Leben balanciert, das sich meistens eher wie ein Minenfeld anfühlte.

So richtig glücklich war er wohl nur bis zu seinem dritten Lebensjahr. Stundenlang hat er sich als Kind alleine beschäftigen können, endlos die immer gleichen Kassetten gehört und Abenteuergeschichten für seinen heißgeliebten Stoffhund Schoko erfunden. In dieser Phase seines Lebens mochte er noch die ganze Welt. Und dann zack! kam erst der Kindergarten, wo es noch so halbwegs funktionierte. Obwohl er auch dort schon am zweiten Tag nicht mehr hingehen wollte und sich daraufhin die erste Ohrfeige überhaupt von seinem Vater einfing. Viele sollten noch folgen.

Doch der Alptraum begann erst so richtig, als er dann eingeschult wurde. Den ganzen Sommer davor hatten seine Eltern ihm eingetrichtert: „ Du hast so ein Glück, darfst in die Schule gehen. Du bist jetzt ein großer Junge. Schau Dir mal den feinen Ranzen an. Ganz viele tolle Dinge wirst du dort lernen“.

Die Schule wurde zum Drama. Die Lehrer runzelten die Stirn, bestellten seine Eltern ein, schrieben ihm das Mitteilungsheft voll. Seine Mutter heulte, sein Vater brüllte. Oder es war das Gegenteil, seine Mutter schrie und sein Vater sagte nichts. Sie so zu sehen, machte ihn nur noch unglücklicher. Aber was sollte er tun? Was sollte er ihnen sagen? Immer, wenn er den Mund aufmachte, wurde es noch schlimmer. Seinen Eltern fiel nichts anderes ein, als immer wieder nur: „Du musst mehr lernen! L-E-R-N-E-N!“

Er hätte ja gerne mehr gelernt. Dann hätten sich vielleicht auch seine Eltern wieder besser verstanden. Das Problem war nur, dass es ihm nicht gelang. Alles, was in der Schule vor sich ging, kam wie vor wie chinesisch. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Zu Hunderten von „Fachleuten“ wurde er geschleppt: Augenärzte, Vertrauenslehrer, Logopäden, Psychologen. Völlig sinnlos, man hätte ihn nur einmal zu fragen brauchen. Die Wahrheit war simpel: Die ganze Schule interessierte ihn nicht. Nullkommanull. Er war sechs Jahre alt und hatte schon alles satt.

Als dann irgendwann feststand, dass er die vierte Klasse würde wiederholen müssen und seine Eltern sich jeden Tag nur noch anbrüllten (was, wie er damals glaubte, einzig und allein seinem kläglichen Versagen geschuldet war), retteten ihn schließlich seine Großeltern. Der unsägliche Kreislauf von Magenschmerzen und Schulangst sollte ein Ende haben.

Opa tauchte eines Abends kurz vor den Sommerferien bei ihnen auf, redete zwei Stunden mit seinen Eltern und drückte Alex zum Abschied lange an sich: „Die Sommerferien verbringst Du bei Oma und mir in Caputh. Wir freuen uns schon auf Dich. Vorher haben wir beide aber noch eine kleinen Termin hier in Berlin“.

Bei diesem wurde dann festgestellt, dass er „hochbegabt“ war. Aha?!

Und anschließend verbrachte er die glücklichsten sechs Wochen seines Lebens in Brandenburg.

Wie heißt es doch so schön? Jeder bekommt in seinem Leben Gelegenheiten, die er in Glück verwandeln kann. Die Kunst ist es, diese Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen.

Alex zumindest genoss jeden einzelnen Tag auf dem Reiterhof neben dem Haus seiner Großeltern. Er striegelte die Ponys, mistete aus, schleppte Strohballen und Säcke voller Hafer- und durfte Reitstunden nehmen. Oma und Opa hatten nichts dagegen, im Gegenteil, sie ermutigten und spornten ihn an. „Vor Tieren muss man sich nicht fürchten. Dann schon eher vor den Menschen“, war Großmutters Standardspruch.

Nach den Ferien wechselte er dann auf eine neue Schule, die Opa ausgesucht hatte, und auf seine Fähigkeiten ausgerichtet war. Seine Eltern beruhigten sich ein wenig und Alex fühlte sich nicht mehr komplett fehl am Platz.

Das Wichtigste in seinem Leben waren jetzt ohnehin Pferde und Reiten. Er durfte auch in Berlin weiterhin Unterricht nehmen.

Mittlerweile ist er mit der Schule fertig und hat vor einem halben Jahr die Ausbildung zum Reittherapeuten in den Reitsportanlagen am Olympiastadium begonnen.

Er liebt seine Arbeit mit diesen „besonderen“ Kindern. Einfühlungsvermögen, Geduld, Disziplin und Konzentration sind unbedingte Voraussetzungen für diesen Beruf. Kein Problem mehr für Alex. Er fühlt sich speziell den Kindern mit Down-Syndrom außerordentlich nahe. Deren Entwicklungsmöglichkeiten wurden ja lange sträflichst unterschätzt- im Prinzip genau wie bei ihm.

Außerdem besitzen diese Menschen, die doch gemeinhin als „eingeschränkt“ gelten, die wohl kostbarste Gabe überhaupt: sie sind zu grenzenloser Liebe fähig. Zu einer Liebe ohne wenn und aber.

Er braucht sich ja den fünfjährigen Leo beispielsweise nur anzugucken. Wenn er ihn an der Longe hat, Leo dann völlig versunken selig seine Arme um den Hals der sanftmütigen Haflingerstute Bambi schlingt und sein Gesicht in die weiche Pferdemähne schmiegt. Oder wenn der kleine „Reitschüler“ seine ältere Schwester Julia anstrahlt, die ihn häufig zu seinen Therapiestunden begleitet und von der Tribüne aus Kusshände in die Reithalle wirft. Liebe pur ist das. Rein und unverfälscht, so kommt sie Alex vor.

Hingerissen ist er übrigens auch von der siebzehnjährigen Julia. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er wirklich verliebt und ihr gehts zum Glück genauso. Ganz langsam und behutsam lassen sie es angehen. Händchenhalten, küssen, stundenlanges Reden, mehr war noch nicht. Die erste gemeinsame Nacht werden sie Silvester verbringen.

Gott, wie anders war das noch bis vor einigen Jahren. Mit der Schule lief es zwar jetzt, Leere und Sinnlosigkeit hatten sich dennoch, trotz des Reitens, in Alex Leben geschlichen. Das Gefühl, völlig unverstanden zu sein, beherrschte alles. An seiner Zimmertür hing jetzt ein Schild mit der Aufschrift Hier verblödet ein Genie.

Das erste Mal XTC hatte er in einem Club mit seinem damaligen Kumpel Mike genommen. Zuerst wirkte die Pille ziemlich stark und Alex wurde flau. „Nicht dagegen ankämpfen, Alter“, hatte Mike geraunt, „Lass sie kommen“.  Dann spürte er es. Zuerst in den Armen, der Wirbelsäule, schließlich in seinem ganzen Körper. Ein prickelndes, aufschießendes Gefühl. Die Musik, die zuvor noch genervt hatte, weil sie hektisch und abgehackt klang, drang jetzt von allen Seiten ihn ein, schien durch seinen Körper zu rauschen. Auf dem Weg zur Toilette, er wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten, schien es ihm, als würde er nicht gehen, sondern in seiner eigenen mystischen Aura dahinschweben. All diese wunderschönen Menschen lächelten ihn an und sahen aus, wie er sich fühlte. Die Pille knallte jetzt rein, ihm flog die Schädeldecke weg, er schäumte über vor Energie und brillanten Einfällen.

„Auf XTC kannst Du super Sex mit völlig Fremden haben. Ohne Drogen ist so was gar nicht möglich, artet außerdem in Arbeit aus“. Hatte Mike ihm gesagt. Und so wars auch. Alex konnte nahezu jedes Mädchen dazu bringen, mit ihm ins Bett zu gehen. Damals war es ausschließlich die Eroberung, die ihn reizte. An echter Hingabe oder Seelenverwandtschaft war er rein gar nicht interessiert.

Mike hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, bis sie sich vor zwei Wochen zufällig über den Weg liefen. In seiner Freizeit, von der er reichlich hat, verkauft dieser jetzt Drogen im großen Stil und dämmert ansonsten im Nichtstun vor sich hin.

„Und Du? Gibst immer noch Mongos Reitunterricht?“ Alex war kurz davor gewesen, ihm ein paar reinzuhauen. Mike sah völlig unverändert aus: Von weitem noch ganz gut,  beim Näherkommen entdeckte man dann aber sofort die fahle Haut, den flackernden Blick und die schlechten Zähne.

Silvester. Alex und Julias großer Tag. Der Plan: Sie werden den Abend und die Nacht bei Julia und Leo zuhause verbringen. Deren alleinerziehende Mutter wird bei ihrer Schwester feiern und dort auch übernachten.

Als Alex um 19.00 Uhr bei Hausers klingelt, ist er schweißgebadet. Hätte er sich doch bloß nicht darauf eingelassen. Wieso hat er sich auch von diesem Scheiß-Mike bequatschen lassen. Nur bis heute einen riesigen Plastikbeutel voller Pillen für ihn aufzubewahren, weil Mike schon Stress mit den Bullen hat und das Zeug nicht in seiner Wohnung lassen kann. In knapp einer Stunde wird er sich kurz mit ihm am Volkspark Rehberge treffen, der liegt direkt bei Julia und Leo um die Ecke. Mike wird Alex  300 Euro fürs Aufpassen  geben und davon wird dieser dann Julia zu einem Paris Wochenende einladen. Paris. Dafür kann man schon mal einen kleinen Schweißausbruch in Kauf nehmen.

Und Mike wird heute Nacht das Geschäft seines Lebens machen.

Puh. Die ganze Zeit, und vor allem eben in der U-Bahn, hat ihn dieser verfickte Beutel in den Wahnsinn getrieben und ihm förmlich ein Loch in seine Jackentasche gebrannt. Aber ist ja alles gut gegangen. Niemand hat ihn unterwegs verhaftet.

Frau Hauser ist schon gegangen. Leo, der bis eben auf dem Wohnzimmerboden mit Playmobil gespielt hat, stürzt ihm zur Begrüßung in die Arme. Julia lächelt ihr spezielles Julia-Lächeln, ihr Gesicht ist jung und weich. Alles ist gut. „Guck, mal Leo, habe ich für unsere Feier mitgebracht.“ Alex wirft seine Jacke auf den Sessel und zieht Luftschlangen, ein Set zum Bleigießen sowie ein großes Kuchenpaket mit Pfannkuchen aus seinem Rucksack. „Und hier. Raketen. Die feuern wir um Mitternacht ab. Weißt Du, wieso man das macht, Leo? Damit sollen die bösen Geister vertrieben werden.

Julia zieht ihn in die Küche, damit er ihr bei der Lasagne, Leos Lieblingsessen, helfen kann. Im Wohnzimmer beschäftigt sich der Kleine währenddessen fasziniert mit den Luftschlangen. Wenn hier jemand Geister vertreiben kann, dann Du, denkt Alex, als er Julia von der Seite beim Béchamelsauce rühren beobachtet. Meine Dämonen nämlich und die ganze beknackte Vergangenheit gleich mit.

Als die Lasagne im Ofen ist und sie sich gerade küssen, ertönt aus dem Nebenraum plötzliches ein dumpfes Poltern.

Alex erreicht zuerst das Wohnzimmer. Leo kauert auf dem Fußboden. Seine Augen sind weit aufgerissen, Schaum läuft ihm aus dem Mund. Der geöffnete Plastikbeutel liegt auf dem Tisch. Die weißen und rosa Pillen mit Delphin und Kleeblattaufdruck sind überall verstreut.

Der Krankenwagen trifft fast gleichzeitig mit Mikes SMS ein: Wo bleibst Du, Alter? Die Leute wollen Party machen.

 

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Berlins vergessene Mitte

10. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Von Ralph Trommer

Nur noch bis zum 27. März läuft die interessante Ausstellung im Ephraim-Palais in Mitte. Kein Berliner, den die bauliche Entwicklung der Stadt interessiert, sollte sie versäumen. Ich rate außerdem zu einer Führung, da das Thema sehr komplex ist und man sich ohne Leitung etwas überfordert fühlen kann. Es geht um die historische bauliche Entwicklung und vor allem stadtplanerische Eingriffe in die Gebiete um die alten Zentren Berlin und Cölln. Zum Beispiel erfährt man, dass vom alten Kern Berlins nur noch vereinzelt 12 historische Gebäude wie die Marienkirche oder die Nicolaikirche erhalten geblieben sind. Ansonsten erschließen sich einem erschreckend viele Bausünden, die zum großen Teil schon während der Kaiserzeit begangen wurden und vor allem der Verbesserung der Verkehrswege dienten. So verschwanden ganze Stadtteile und imposante, prägende Gebäude. Anschaulich gemacht werden diese Fakten durch alte Stadtansichten und vor allem frühe Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, die nicht nur die Umgebung des Stadtschlosses, sondern zum Beispiel auch die frühere Fischerinsel als ärmliche, aber sehr charaktervolle Siedlung auferstehen lassen. Um 1970 wurden die letzten Spuren der ursprünglichen Fischerinsel zugunsten sozialistischer Plattenbauarchitektur getilgt. Auch die willkürliche Anlage des pseudo-historischen Nicolai-Viertels in den 80er Jahren wird kritisch beleuchtet. Der Bogen in die Gegenwart beweist, dass die heutigen politischen Umgestaltungsversuche vollkommen bedenkenlos weitere historische Substanz zerstören, indem etwa die spärlichen Reste alter Straßen durch neue Wohnblöcke vollkommen zubetoniert werden.

Ich hatte das Vergnügen, vom Kurator Dr. Benedikt Goebel persönlich mitsamt einer größeren Herde von jungen und alten Schafen durch die Räume getrieben zu werden. Fühle mich jetzt nicht mehr ganz so belämmert wie zuvor.

„Berlins vergessene Mitte. Stadtkern 1840-2010.“ Ephraim-Palais (Stadtmuseum Berlin). Postsr.16, 10178 Berlin Bis 27.03., Di-So 10-18 Uhr, Mi – 20 Uhr.

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Schluss mit schaflosen Leseabenden!

9. March 2011 | von | Kategorie: Blog

Das Kapitalistenschaf steht gerade vor meinem Bücherregal und meint, ich solle doch einfach alle Bücher wegschmeißen, aber dieses eine von Ian Sansom (” So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz”) nicht nur behalten, sondern bitte auch sofort und allerwärmstens empfehlen.
Der erste Teil der Ansage zeugt von tierischer Ignoranz, der zweite Teil ist soweit OK, daher lege ich allen, die die Nase von Serienkiller-Terror-Geheimdienst-Blutbad-Krimis haben den etwas anderen Krimi aus der nordirischen Provinz Tumdrum ans Herz. Wer schlaflose Nächte, nervöses Liderzucken noch Tage nach der Lektüre erwartet, weil das Buch so immens spannend ist- der (oder die) liegt glasklar falsch. Natürlich gibt es eine Art Krimihandlung, bei der der Inhaber eines Kaufhauses am Rande der Welt verschwindet und mutmaßlich Opfer einer Entführung geworden ist. Natürlich gibt es Polizei und vor allem einen Verdächtigen, nämlich den Bibliothekar der fahrenden Bücherei, Israel Armstrong.
Dennoch geht es Sansom, der zumindest äußerlich mit seinem freakigen, liebenswerten Helden Armstrong Ähnlichkeit hat nicht um das Who done it?, sondern um ein witziges und dabei gemütlich erzähltes Porträt des Lebens und der Leute in Irlands hohem Norden. Eine wunderbare Lektüre für Leser mit Vorlieben für verschrobene Charaktere und natürlich für alle Freunde der Grünen Insel. Allein die Erwartungen der Schaffreunde werden eher enttäuscht- selbst für einen Preis als beste Nebendarsteller reicht es nicht, da sie höchstens mal durch Lokalkolorit hüpfen. Aber das verrate ich jetzt dem Kapitalistenschaf besser nicht, sonst will es auch noch dieses Buch wegwerfen!

"Cover Ian Sansom So schnell wackelt kein Schaf mit dem Schwanz"

Piper TB, 8,95 €

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Kuh-Bilder nicht nur für Schafe

8. March 2011 | von | Kategorie: Blog


Voller Ungeduld auf den Frühling empfiehlt das Kapitalisten-Schaf heute einen Ausflug an die Glienicker Brücke in Potsdam. In der Villa Schöningen stellt Anselm Kiefer nur noch bis zum 31. März 2011 Kuh-Bilder voller Mythen, Rätseln und Überraschungen aus.
Seine Kühe sind aus Stroh und Leder und Draht und Lehm, ihr Anblick überwältigt, verstört vielleicht auch mal. Jeder Mensch wird beim Betrachten und Versenken in die Werke ganz Individuelles erinnern, assoziieren und empfinden. Schafe sehen das pragmatischer und kosten heimlich von den Strohhalmen. (Köstlich, wenn auch etwas trocken)
Der Besuch der Kühe ist ein besonderes Erlebnis, nicht nur für das Schaf.
Anselm Kiefer, Villa Schöningen, Glienicker Brücke.

Mehr Infos findet Ihr: Hier

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