Archive for November 2017

Ariane Meinzer: Das kleine Gespenst und die große Liebe

15. November 2017 | von | Kategorie: Leseproben

Kürbisse kleinEs war einmal ein kleines Gespenst, das war viel zu klein, um irgend jemandem Angst einzujagen. Es war sogar so klein, dass selbst die Katzen, Hamster, Meerschweinchen und auch die Frösche ihre Brillen aufsetzen mussten, um es überhaupt zu sehen. Das kleine Gespenst litt ganz fürchterlich darunter und weinte jede Nacht ganz bittere Tränen, wenn es wieder spuken musste.

Zu seinem großen Glück hatte das kleine Gespenst aber vor c.a. 400 Jahren in einem Discount für Geisterzubehör einen Satz ganz toller Ketten zum Rasseln erworben. Damit konnte das Gespenst prima Lärm machen und wenigstens auf diese Weise auf sich aufmerksam machen. Leider waren die Ketten für deutlich größere Gespenster, Dämonen und Vampire gemacht und für das kleine Gespenst um einiges zu groß und zu schwer. Nur unter Mühen konnte es die schweren Ketten hinter sich her schleifen und kam dadurch meistens zu spät zu Spukverabredungen. Es war dann immer ärgerlich, wenn es hieß: „Tja, die anderen waren schon vor 32 Jahren hier- da bist du jetzt ein bisschen zu spät dran- vielleicht klappts ja beim nächsten mal besser.“

So vergingen die Jahrhunderte und für Gespenster wurden die Zeiten immer schlechter. Das 20. Jahrhundert war viel zu laut und zu grell, um den Geistern noch Raum für Spuk und Graus zu lassen. Die Ketten des kleinen Gespenstes waren jeweilen stark angerostet und wenn es damit rasselte, wurde der schaurige Klang übertönt von wummernden Stereoanlagen, lauten Fernsehern, dem Straßenlärm oder Computerspielen.

Frustriert und total deprimiert suchte das kleine Gespenst einen Therapeuten für labile Geister auf. „Was ist mein Daseinszweck, wenn mich nicht nur keiner sieht, sondern auch keiner hört und die Menschen sowieso nur noch Angst vor den Börsenkursen haben?“ „Hm, hm“ brummelte der Therapeut immer mal, denn dafür wurde er bezahlt. Nach der 13. Sitzung nuschelte er „So, so“ und ab der 31. kam nur noch ein „aha, aha!“. Das kleine Gespenst war im Verlauf der Therapie nicht glücklicher geworden, freute sich aber immerhin darüber, dass jemand ihm zuhörte und das sogar ohne die blöden Ketten und das obligate Gewimmere und Gejaule, das sonst verlangt wurde von Gespenstern.

Gegen Ende der 62. Sitzung war es endlich soweit. Der Psychologe rückte zugleich mit Diagnose und Therapie raus: „Sie brauchen Liebe, mein Bester. Kein Gespenst kann für die Ewigkeit- und mit der müssen Sie ja wohl leben- ohne die Liebe bleiben. Sie sollten sich also mal umschauen, welche Dame oder welcher Herr (verschmitztes Zwinkern) wie Sie gerne mal herumspukt, die Nacht besser als den Tag findet und ihr Herz unter dem Laken in Wallungen bringt. Da wünsche ich Ihnen jedenfalls viel Glück bei der Suche und die Rechnung für die Therapie geht Ihnen dann in etwa 200 Jahren zu.“

Voll von amourösem Tatendrang rauschte das kleine Gespenst von dannen und ward fortan ein Stammgast bei allen Halloween-Singleparties, hing in Gruftie-Bars herum, tanzte auf allen Burgfesten, doch das Herz wollte so recht keinen Ankerplatz finden. Eines nachts jedoch rauschte das kleine Gespenst mit einem ziemlich dicken Kater (er war schwarz, hieß Erwin und das Gespenst hatte ihn auf einer Hexenparty kennen gelernt) durch die Gegend. Überdrüssig der vielen Feierei wollte es einfach mal wieder so richtig schön spuken gehen. Und wenn es dabei nur die Mäuse und Kakerlaken in den leeren Häusern erschrecken konnte. Egal. Es wollte spuken, denn es hatte das arge Gefühl, dass es nicht für den großen Glamour und die mondänen Geisterfeste geschaffen war.

Auf dem Weg zu einem Spukhaus, in dem ein paar Bekannte von ihm regelmäßig abhingen kam unser kleines Gespenst an einem geheimnisvollen Laden vorbei. Es konnte nicht genau erkennen, was dort feilgeboten wurde, doch im Fenster strahlte ihm mit dem süßesten breiten Lächeln ein wunderwunderwunderschöner Kürbiskopf entgegen. Seine Augen leuchteten wie die Sterne und der Glanz, der ihn umgab versetzte das kleine Gespenst in Extase. So ein wundervolles Wesen hatte es ja noch nie gesehen und es blieb wie festgenagelt vor dem Schaufenster stehen. Erwin zuppelte am Zipfel des Bettlakens, das das kleine Gespenst selbst nach 800 Jahren noch topmodisch fand. „Ey, nun komm schon. Die anderen warten und du weißt ja, dass du mit deinen ollen Ketten eh immer ein bisschen brauchst. Wenn wir zu spät kommen, ist es wieder Essig mit dem schönen rumspuken“

„Nein“, sagte das kleine Gespenst „ich bleibe hier. Ich habe noch nie so ein schönes Antlitz gesehen und möchte doch zu gerne die Nacht vor diesem Fenster stehen und traurig-romantische Geisterlieder singen. Vielleicht erhört mich ja dieses entzückende Mondgesicht, dessen Lippen mir zurufen `komm, du kleine Gespenst, sei mein Schatz für diese Nacht!`“. Mit einem entrückten Lächeln schwebte das kleine Gespenst durch die Scheibe des Gemüseladens und kuschelte sich an den Kürbiskopf.

Resigniert trabte Erwin von dannen und nahm sich fest vor, das kleine Gespenst von der Liste seiner Freunde wegzustreichen. Was sollte er denn auch mit einem liebestollen Geist, der beim erstbesten Wesen mit Glanz in den Augen die Freundschaft und alles, was wirklich wichtig war vergaß. Erwin hatte noch ne Menge Spaß in dieser Nacht und die Ratten hatte ihre Spukration so kräftig abbekommen, dass sie schreiend und fluchtartig das alte Haus verließ. Zufrieden stieß Erwin mit seinen Kumpeln an und war vor Morgengrauen schon viel zu betrunken, um noch an das kleine Gespenst zu denken.

So vergingen die Nächte, die Wochen, die Jahre. Erwin bekam schon die ersten grauen Haare, da er bei der Vergabe der Ewigkeit an Spukgestalten nicht laut genug „HIER“ gerufen hatte und seine Lebenserwartung somit nur schäbige 530 Jahre betrug. Und er war halt der Typ für graue Schläfen in jungen Jahren. Er langweilte sich im Grunde ganz furchtbar und wusste im tiefsten Innern, dass ihm sein guter Freund, das kleine Gespenst schrecklich fehlte. Also machte er sich auf, den Laden wiederzufinden, in dem er das Gespenst seiner großen Liebe überlassen hat. Nach langer Wanderschaft entdeckte er endlich das Geschäft und tatsächlich leuchtete ihm der Kürbiskopf entgegen. So schnell die Pfoten trugen stürmte er in den Laden und suchte nach seinem Freund. Vergeblich. Kein Gespenst, nirgends. Er jaulte und maunzte so laut er konnte. Der Kürbiskopf lächelte weiter geheimnisvoll und sagte kein Wort. Auch die Mäuse, die zwischen den Kartoffelkisten hin und her huschten schüttelten nur traurig ihre Köpfe und sagten nichts.

Irgendwann jedoch hörte Erwin ein leises Schluchzen. Das war so leise, dass er sein Hörrohr hervor kramen musste, um genau zu orten, wo denn dieses Geräusch her käme. Tatsächlich entdeckte er ein weißes Häufchen neben dem Kürbis, das noch kleiner und fadenscheiniger war, als er das kleine Gespenst in Erinnerung hatte. „Ich bin so uuuunglücklich“ schniefte das inzwischen winzige Gespenst in das Hörrohr hinein. Dem armen Erwin quoll das Herz über vor Mitleid, ihn in so einer Verfassung anzutreffen. „Ich dachte, du hättest die große Liebe gefunden?!“

„Ach was, ja, nein- doch, äh- ja, das hatte ich ja auch geglaubt, aber nachdem unsere Beziehung eigentlich ganz gut gestartet ist, hat sich mit der Zeit rausgestellt, dass der Kürbiskopf ganz furchtbar borniert und dumm ist. Der kann nix als nur gut aussehen und irgendwie sehr sexy mit den Augen leuchten, aber glaube nicht, dass da mal ein gutes Gespräch oder eine gemeinsame Unternehmung drin ist. Nein- der sitzt seit Jahren auf seinem blöden Hintern und glotzt anderen Gespenstern hinterher und ich muss immer gute Miene dazu machen. Die Mäuse machen sich total lustig über mich und der olle Kürbis sagt nichtmal ein einziges liebes Wort- gar nichts. Furchtbar. Warum habe ich nicht ein einziges mal wirklich Glück im ewigen Leben?“

Da nahm der Kater Erwin das kleine Gespenst ganz sanft in seine Pfoten und drückte es aus ganzer Freundschaft. Mit einem leisen Schniefen kuschelte sich das Gespenst in das Fell des Katers und blickte verstohlen zum Kürbis hin. Der grinste einfältig. „Weißt du was, Erwin? Ich glaube, der Kürbis ist ein ganz großer Dummkopf und ich habe soooo lange gebraucht das zu merken.!“ Da schaute sich Erwin den Kürbis mal genauer an und tatsächlich- er war total hohl. Da war nichts drin- nur eine Kerze, die für das schöne Leuchten der Augen sorgte.

Das kleine Gespenst packte seine 7 Sachen zusammen, die eigentlich nur aus seinen Ketten bestanden. Im tiefsten Gefühl der Freude und Verbundenheit ging es mit Erwin hinaus in die weite Stadt. Auf zu neuem Spuk und mit ganz viel Freundschaft im Herzen. Und es nahm sich für alle Ewigkeit ganz fest vor, sich nie wieder von Hohlköpfen blenden zu lassen!

[Weiter...]


Unsere Dezember-Lesung

13. November 2017 | von | Kategorie: Termine
14. December 2017
20:00to22:00

WeihmaUnsere Dezember-Lesung findet am 14.12. – nicht auf dem Weihnachtsmarkt – sondern wieder im Café Tasso in der Frankfurter Allee 11, ab 20 Uhr, statt. So viel steht fest. Alle weiteren Infos erfahrt Ihr in Kürze …

[Weiter...]


Lesung im Café Tasso zum Thema “Rechtskräftig”

18. October 2017 | von | Kategorie: Termine
9. November 2017
20:00to22:00

Schilder kleinHeute erwartet die Freundinnen und Freunde unerhörter  Stories ein Abend, der mehr als kräftig wird, nämlich rechtskräftig!

Die Unerhörten haben mit und ohne juristischen Beistand Geschichten rund um das Thema “Rechtskräftig” zu Papier gebracht. Aber egal, ob rechts, links, schwach oder kräftig – ein spannender und vielfältiger Vorleseabend wird es auf jeden Fall!

Wo: Café Tasso, Frankfurter Allee 11 in Berlin-Friedrichshain
Wann : 9.11.2017 von 20 – 22 Uhr
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten”
Was: Lesung, Thema “Rechtskräftig” – Eintritt frei

Bis bald!
Die Unerhörten

[Weiter...]