Weißt Du noch?

9. March 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Papa! Was ist denn das da für ein Ding?“ Ich schaue in die Richtung, in die mein Sohn zeigt und stutze einen Moment lang. Wir erblicken einen Kasten, etwa 2,50 hoch, mit einer Grundfläche von knapp einem Quadratmeter. Farbe Gelb, mit Fenstern auf zwei Seiten, einer Tür an der dritten. Die vierte Fläche ist massiv. Das muss sie auch sein, denn schließlich hängt dort, von außen durch das Glas gut sichtbar, ein Telefon. So ein großes von der altmodischen Sorte. Der Telefonhörer ist mit etwas an das große Gehäuse gebunden, das so aussieht wie der Schlauch meiner Dusche.

Wir sind im Urlaub an der Ostsee, ein wenig abseits der Haupttouristengebiete. „Das ist ein Telefon.“, antworte ich meinem Kind. „Ein Telefon? Aber wieso das denn?“ Seine Stimme klingt etwas schriller als sonst. Das ist bei ihm immer der Fall, wenn er etwas überhaupt nicht verstehen kann. An seiner Stelle hätte ich auch meine Schwierigkeiten mit dieser Antwort.

Er kennt Telefone als Geräte, die – weil schnurlos – irgendwo in der Wohnung herumliegen und irgendwann anfangen zu klingeln. Dann ruft jemand an. Ab und zu laufen Mama oder Papa auch aufgeregt in der Wohnung herum und suchen besagten Apparat, um selbst jemanden anzurufen. Dann gibt es noch die zweite Kategorie von Telefonen. Das sind Dingsdabumsdas, die Papa oder Mama in der Hosentasche haben und die sie ständig mit sich herumschleppen. Damit kann man überall telefonieren.

Adrian hat noch nicht ganz verstanden, wozu man zu Hause ein anderes Telefon benötigt, wenn man doch bereits eines hat mit dem man überall telefonieren kann. Aber er nimmt es hin, wie so viele Mysterien der Erwachsenenwelt.

Dass man ein für ein Telefon ein eigenes Häuschen gebaut hat, kann er nur schwer verstehen. „Warum ist da ein Telefon?“ Er lässt nicht locker und möchte eine Erklärung haben. „Na ja. Wenn mein kein Handy hat.“, setze ich an und überlege: Kenne ich jemanden, der kein Handy hat? „Dann macht man dort die Tür auf und kann darin telefonieren.“, fahre ich fort.

Echt?“

Adrian schaut mich skeptisch an und trottet erstmal weiter. Misstrauisch beäugt er den gelben Quader, an dem er nun vorbei schlendert. Er schaut durch die Tür auf den fremdartigen Apparat und ich glaube die Andeutung eines Achselzuckens wahrzunehmen. Ich nehme sein Buddelzeug in die Hand und wir trotten weiter in Richtung Strand.

Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Wenn man unvorbereitet auf einen Gegenstand aus längst vergangener Zeit trifft, neigt Mancher zu Nostalgie.

Bezogen auf eine Telefonzelle kann ich das von mir nicht behaupten. Ich habe diese Dinger stets gehasst. Nur in den seltensten Fällen befand sich ein öffentlicher Fernsprecher dort, wo ich ihn brauchte. Die Entfernung zum nächsten stand in direkter exponentieller Abhängigkeit zur Dringlichkeit des zu führenden Telefonats, multipliziert mit der Stärke des Regens, der immer dann einsetzte, wenn ich mich auf die Suche begab. Die nächstgelegene Telefonzelle lag immer in der entgegengesetzten Richtung.

Da es schon damals in jedem Haushalt ein festes Telefon gab, war die Kenntnis über die Standorte der Tempel moderner Kommunikation bei der einheimischen Bevölkerung ebenfalls stark eingeschränkt, so dass ich schnell aufgab, Passanten danach zu fragen. Wurde man dann endlich des verheißungsvollen gelben Minigebäudes ansichtig, so war die Wahrscheinlichkeit nicht unerheblich, dass die Zelle bereits der angestauten Aggression der ortsansässigen Jugendclique zum Opfer gefallen war. Glücklich konnte man schon sein, wenn nur das bereits erwähnt Kabel vom Gerät zum Hörer durch rohe Gewalt gerissen war. Ein Albtraum war es, wenn die Zelle kurz vorher zum Äquivalent eines Dixieklos umfunktioniert worden war.

War dies nicht der Fall und die alles augenscheinlich in intaktem Zustand, war es für Freudentränen eindeutig zu früh. Auf der langen Wegstrecke hatte man bereits hinreichend Gelegenheit gehabt, das benötigte Kleingeld zu organisieren. Jedoch hatten die Apparate eine recht eigenwillige Vorstellung davon, was eine gültige Münze war. Die Deutsche Bundespost, damals noch Eigentümerin des Telefonnetzes, war extrem paranoid im Bezug auf Falschgeld.

Eine besondere Abneigung schien das Telefon gegen nigelnagelneue, noch glänzende, Groschen zu hegen. Diese wurden eigentlich nie angenommen. Um diesem Problem zu begegnen, waren die Gehäuse der Telefone mit einer leicht angerauten Oberfläche versehen. Damit war es potentiellen Kunden möglich, ihre Geldstücke durch heftiges Reiben am Gerät in kürzester Zeit altern zu lassen. Warf man statt Groschen gleich eine Silbermünze ein, war es übrigens fast sicher, dass diese stecken blieb. Genauso sicher war es, dass der Diebstahlschutz an dem Gerät es unmöglich machte, ohne Zuhilfenahme von schwerem Einbruchsgerät, wieder an sein rechtmäßiges Eigentum zu gelangen.

Da wir in aller Regel ohne solche Ausrüstung zum Telefonieren gingen, blieb uns nur, die aufgekommene Frustration durch Schläge und Tritte zu minimieren. Diese ertrug das Gerät mit stoischer Gelassenheit und natürlich, ohne uns den Geldbetrag zu erstatten. Zur Ehrenrettung dieser vorzeitlichen Technik sei aber angemerkt, dass ich mich durchaus daran erinnern kann, in Einzelfällen erfolgreich durch sie mit anderen Menschen kommuniziert zu haben.

Schlussendlich sei aber erwähnt, dass das Telefonieren mit diesen Dingern schweineteuer war. Dreißig Pfennige für einen Anruf waren ja gerade noch akzeptabel. Aber wenn es sich um ein Ferngespräch handelte, ging das schon richtig ins Geld.

Damals gab es ja noch die unterschiedlichen Fernzonen. Wenn der Angerufene sehr weit weg wohnte, konnte man nur dann schneller Geld nachwerfen, als es der diabolische Kasten verbrauchte, indem man ihn mit mindestens 2-Mark-Stücken fütterte.

Im Urlaub gab man sich so etwas nur, wenn es absolut unvermeidlich war.

Zu Hause gab es das Problem der extrem hohen Kosten nur dann, wenn man die bezaubernde Urlaubsbekanntschaft anrufen wollte, die exakt 101 km weit weg und damit in der höchsten Gebührenzone IV wohnte. Das Telefon meiner Eltern war für solche Anrufe tabu. Einerseits wollte ich nicht für die horrende Telefonrechnung von umgerechnet 32,80 Euro am Monatsende verantwortlich gemacht werden. Andererseits stand das Telefon zur damaligen Zeit im Flur und war, wie jedes Gerät damals, an kurzem Kabel angekettet. Dadurch konnten natürlich alle Gespräche in jedem Zimmer mitgehört werden.

Ich habe meine Urlaubsliebe nicht oft angerufen und sie mich auch nicht. Leider blieb sonst nicht viel. All die anderen Segnungen moderner Kommunikation gab es damals in den Achtzigern nicht.

Ich verstehe nicht, warum so viele meiner Altersgenossinnen und -genossen sich so gerne an diese Zeit zurück erinnern. Sie bekommen leuchtende Augen, wenn sie an diese Zeit denken. Was die Kommunikationsmöglichkeiten angeht, empfinde ich diese Ära dem finsteren Mittelalter vergleichbar.

Wir sind am Strand angekommen und breiten unsere Utensilien aus. Gleich danach greife ich in meine Hosentasche. Habe ich Empfang? Nur schwach schlägt die Anzeige aus, für ein Telefonat zu wenig. Aber wer will den gleich mit der Tür ins Haus fallen? Meine Finger huschen über die winzige Tastatur meines Handys. Als ich fertig bin, schicke ich die SMS an die nette Dame von gestern Abend. Ich liebe mobile Kommunikation!

 

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