Mein letztes Mahl

5. March 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Nicht, das ich es eilig hätte- ganz im Gegenteil! Aber irgendwann kommt diese gewisse Stunde und damit es dann keine Missverständnisse gibt, oder gar Streitereien um dunkles Holz und teure Messingbeschläge, um seidene Kopfkissen und preiswerte Varianten aus Kiefern- Imitat, damit also niemand sagen kann: “Wenn wir das nur früher gewusst hätten!“, hier eine ausführliche Anleitung für Jeden, den es interessiert:

Ich möchte in einem Schokoladensarg beerdigt werden!

Es muss aber unbedingt dunkelglänzende Zartbitter- Schokolade sein. Um Himmels Willen keine Vollmilch- Nuss oder Kinderschokolade oder- vielleicht das Schlimmste- Schokolade mit Erdbeer- Joghurt- Füllung. Und bitte Niemals Niemals Niemals Kalorienreduzierte Diätschokolade verwenden!

Die Wände müssten natürlich schon eine gewisse Dicke haben, damit sich das auch lohnt und damit der Boden sich selbst bei Hitze nicht gleich durchbiegt. Das wäre mir peinlich. Die notwendige Statik kann jede gute Konditorei ausrechnen. Ringsherum sollen Trüffel kleben. Immer schön abwechselnd helle Champagnertrüffel mit sahnig-perlender Füllung und pechschwarze Herrentrüffel mit cremigem Espressoschaum. Auf den Sargdeckel soll der Konditormeister die komplette Palette aller schokoladigen Geschmacksrichtungen platzieren: Von „Chilipfefferscharf“ bis „Extradoppeltsüß“! Und mit russischem Brot möchte ich meinen vollständigen Vor- und Zunamen mit Puderzucker aufgeklebt wissen. Das könnten zum Beispiel meine Enkelkinder übernehmen, sollte ich dann welche haben. Kunstvolle Ornamentik aus Cognac- Bohnen runden das geschmackvolle Bild ab. Ein kleiner, würdevoll plätschernder Schokoladenbrunnen steht an meinem Fußende. Dort hinein tunkt man frische Früchte- je nach Jahreszeit vielleicht Erdbeeren oder Mandarinenstückchen und lässt diese Köstlichkeiten dann ganz langsam auf der Zunge zergehen.

Von Innen soll die Köstliche Kiste natürlich noch leckerer sein, ist klar, oder.

Ein Kopfkissen aus Luftschokolade, eine Decke aus fein gesponnenem Zucker mit Rosen aus Marzipan und zwischen die Zehen stopft mir bitte Geleebananen. Über meinem Körper hängen blutrote Fruchtgummi- Kirschen, hauchdünne Pfefferminztäfelchen und quietschebunte Gummibärchen. Auf meine Wangen tropft dickflüssiger Türkischer Honig und betörend duftendes Karamell kriecht mir in die Mundwinkel.

Bei der Beerdigung darf jeder einmal lecken oder lutschen oder gerne auch knabbern am Sarg. Aber nur Außen. Mein letzter Eindruck soll ein sinnlicher sein, ich möchte einen guten Geschmack hinterlassen.

Und ist der Sarg schließlich herabgelassen worden in die warme Mutter Erde, sprüht bitte letzte Grüße mit Sahne hinterher.

Wenn ich dann so gemütlich und in aller Seelenruhe genüsslich vor mich hinmodere, habe ich die Nase voller guter Dinge. Und die Natur freut sich genauso: Eifrige Würmer, glänzende Käfer und fette Larven werden sich voller Begeisterung auf meine süße Hülle stürzen. In Windeseile wird sich das Herumsprechen in Untererde: Hier gibt’s was Neues. Leckerschmecker!

So ein Schokoladensarg ist also in mehrfacher Hinsicht perfekt! Ökologisch sauber, Rückstandslos aufessbar, schön anzusehen.

Appetitlich!

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