Speed dating

10. March 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Das Jahr nähert sich dem Ende. Permanente Jahresrückblicke, die alles noch mal durchkauen, womit man so zurechtkommen musste, lassen daran gar keinen Zweifel aufkommen. Das Seltsame ist, dass Silvester an sich ja völlig bedeutungslos ist. Lediglich ein Datum und ein willkommener Anlass, Party zu machen. Dazu gibt’s quasi eine Pflicht. Zeig, dass Du noch Leben in Dir hast. Gib Dir richtig die Kante. Kompromisslos. Amüsier Dich gefälligst. Das ist der einzige Ausweg.

Und alle versuchen sie verzweifelt, der Realität einen vermeintlich glamourösen Anstrich zu geben. Sämtliche Hilfsmittel sind hierbei erlaubt.

Alex ist jetzt 21 Jahre alt und mit dem Thema durch. Alkohol fand er schon immer widerlich und was die Drogen betrifft. Na ja. Versucht hat er es immerhin. Redlich  bemüht war er sozusagen. Ist ja nicht so, dass ihm das Schicksal bisher nur glitzernden Sternenstaub ins Leben gepustet hat. Wie oft schon hatte er das Bedürfnis, sich so richtig wegzuballern. Einfach mal für einige Stunden restlos mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

Am zuverlässigsten hatte das ja immer noch mit XTC  funktioniert. Viel unschädlicher als Saufen außerdem. Amsterdam Playboys wurden die Pillen genannt. Alex muss grinsen. Allein dieser bescheuerte Name. Und das dämliche Gequatsche dazu:

„Es heißt immer, man stirbt am Tod.  Aber das stimmt nicht. Man stirbt an Langeweile und Gleichgültigkeit.“  Stammt angeblich von Iggy Pop, diese Weisheit.

Dumm war nur, dass die Pillen auf  Dauer Langeweile und Gleichgültigkeit eben nicht mehr vertrieben sondern sich diese Gefühle binnen kürzester Zeit vertausendfachten.

Und einen Haufen neuer Ängste gabs zudem gratis obendrauf.

Außerdem hatte er das Gefühl, dass plötzlich Hinz und Kunz Drogen nahm, um sich wild und gefährlich zu fühlen. Klar in Berlin sowieso, aber garantiert befeuerten auch die Leute aus den Dörfern und Kleinstädten so die Stimmung auf ihren Feuerwehr- und Maibaumfesten.

„Meide alles, was der Masse gefällt“ war wohl unbewusst schon immer sein Lebensmotto. Wahrscheinlich sein Glück. Viel zu lange bereits war er hochkonzentriert und auf Zehnspitzen durch sein sogenanntes  Leben balanciert, das sich meistens eher wie ein Minenfeld anfühlte.

So richtig glücklich war er wohl nur bis zu seinem dritten Lebensjahr. Stundenlang hat er sich als Kind alleine beschäftigen können, endlos die immer gleichen Kassetten gehört und Abenteuergeschichten für seinen heißgeliebten Stoffhund Schoko erfunden. In dieser Phase seines Lebens mochte er noch die ganze Welt. Und dann zack! kam erst der Kindergarten, wo es noch so halbwegs funktionierte. Obwohl er auch dort schon am zweiten Tag nicht mehr hingehen wollte und sich daraufhin die erste Ohrfeige überhaupt von seinem Vater einfing. Viele sollten noch folgen.

Doch der Alptraum begann erst so richtig, als er dann eingeschult wurde. Den ganzen Sommer davor hatten seine Eltern ihm eingetrichtert: „ Du hast so ein Glück, darfst in die Schule gehen. Du bist jetzt ein großer Junge. Schau Dir mal den feinen Ranzen an. Ganz viele tolle Dinge wirst du dort lernen“.

Die Schule wurde zum Drama. Die Lehrer runzelten die Stirn, bestellten seine Eltern ein, schrieben ihm das Mitteilungsheft voll. Seine Mutter heulte, sein Vater brüllte. Oder es war das Gegenteil, seine Mutter schrie und sein Vater sagte nichts. Sie so zu sehen, machte ihn nur noch unglücklicher. Aber was sollte er tun? Was sollte er ihnen sagen? Immer, wenn er den Mund aufmachte, wurde es noch schlimmer. Seinen Eltern fiel nichts anderes ein, als immer wieder nur: „Du musst mehr lernen! L-E-R-N-E-N!“

Er hätte ja gerne mehr gelernt. Dann hätten sich vielleicht auch seine Eltern wieder besser verstanden. Das Problem war nur, dass es ihm nicht gelang. Alles, was in der Schule vor sich ging, kam wie vor wie chinesisch. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Zu Hunderten von „Fachleuten“ wurde er geschleppt: Augenärzte, Vertrauenslehrer, Logopäden, Psychologen. Völlig sinnlos, man hätte ihn nur einmal zu fragen brauchen. Die Wahrheit war simpel: Die ganze Schule interessierte ihn nicht. Nullkommanull. Er war sechs Jahre alt und hatte schon alles satt.

Als dann irgendwann feststand, dass er die vierte Klasse würde wiederholen müssen und seine Eltern sich jeden Tag nur noch anbrüllten (was, wie er damals glaubte, einzig und allein seinem kläglichen Versagen geschuldet war), retteten ihn schließlich seine Großeltern. Der unsägliche Kreislauf von Magenschmerzen und Schulangst sollte ein Ende haben.

Opa tauchte eines Abends kurz vor den Sommerferien bei ihnen auf, redete zwei Stunden mit seinen Eltern und drückte Alex zum Abschied lange an sich: „Die Sommerferien verbringst Du bei Oma und mir in Caputh. Wir freuen uns schon auf Dich. Vorher haben wir beide aber noch eine kleinen Termin hier in Berlin“.

Bei diesem wurde dann festgestellt, dass er „hochbegabt“ war. Aha?!

Und anschließend verbrachte er die glücklichsten sechs Wochen seines Lebens in Brandenburg.

Wie heißt es doch so schön? Jeder bekommt in seinem Leben Gelegenheiten, die er in Glück verwandeln kann. Die Kunst ist es, diese Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen.

Alex zumindest genoss jeden einzelnen Tag auf dem Reiterhof neben dem Haus seiner Großeltern. Er striegelte die Ponys, mistete aus, schleppte Strohballen und Säcke voller Hafer- und durfte Reitstunden nehmen. Oma und Opa hatten nichts dagegen, im Gegenteil, sie ermutigten und spornten ihn an. „Vor Tieren muss man sich nicht fürchten. Dann schon eher vor den Menschen“, war Großmutters Standardspruch.

Nach den Ferien wechselte er dann auf eine neue Schule, die Opa ausgesucht hatte, und auf seine Fähigkeiten ausgerichtet war. Seine Eltern beruhigten sich ein wenig und Alex fühlte sich nicht mehr komplett fehl am Platz.

Das Wichtigste in seinem Leben waren jetzt ohnehin Pferde und Reiten. Er durfte auch in Berlin weiterhin Unterricht nehmen.

Mittlerweile ist er mit der Schule fertig und hat vor einem halben Jahr die Ausbildung zum Reittherapeuten in den Reitsportanlagen am Olympiastadium begonnen.

Er liebt seine Arbeit mit diesen „besonderen“ Kindern. Einfühlungsvermögen, Geduld, Disziplin und Konzentration sind unbedingte Voraussetzungen für diesen Beruf. Kein Problem mehr für Alex. Er fühlt sich speziell den Kindern mit Down-Syndrom außerordentlich nahe. Deren Entwicklungsmöglichkeiten wurden ja lange sträflichst unterschätzt- im Prinzip genau wie bei ihm.

Außerdem besitzen diese Menschen, die doch gemeinhin als „eingeschränkt“ gelten, die wohl kostbarste Gabe überhaupt: sie sind zu grenzenloser Liebe fähig. Zu einer Liebe ohne wenn und aber.

Er braucht sich ja den fünfjährigen Leo beispielsweise nur anzugucken. Wenn er ihn an der Longe hat, Leo dann völlig versunken selig seine Arme um den Hals der sanftmütigen Haflingerstute Bambi schlingt und sein Gesicht in die weiche Pferdemähne schmiegt. Oder wenn der kleine „Reitschüler“ seine ältere Schwester Julia anstrahlt, die ihn häufig zu seinen Therapiestunden begleitet und von der Tribüne aus Kusshände in die Reithalle wirft. Liebe pur ist das. Rein und unverfälscht, so kommt sie Alex vor.

Hingerissen ist er übrigens auch von der siebzehnjährigen Julia. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er wirklich verliebt und ihr gehts zum Glück genauso. Ganz langsam und behutsam lassen sie es angehen. Händchenhalten, küssen, stundenlanges Reden, mehr war noch nicht. Die erste gemeinsame Nacht werden sie Silvester verbringen.

Gott, wie anders war das noch bis vor einigen Jahren. Mit der Schule lief es zwar jetzt, Leere und Sinnlosigkeit hatten sich dennoch, trotz des Reitens, in Alex Leben geschlichen. Das Gefühl, völlig unverstanden zu sein, beherrschte alles. An seiner Zimmertür hing jetzt ein Schild mit der Aufschrift Hier verblödet ein Genie.

Das erste Mal XTC hatte er in einem Club mit seinem damaligen Kumpel Mike genommen. Zuerst wirkte die Pille ziemlich stark und Alex wurde flau. „Nicht dagegen ankämpfen, Alter“, hatte Mike geraunt, „Lass sie kommen“.  Dann spürte er es. Zuerst in den Armen, der Wirbelsäule, schließlich in seinem ganzen Körper. Ein prickelndes, aufschießendes Gefühl. Die Musik, die zuvor noch genervt hatte, weil sie hektisch und abgehackt klang, drang jetzt von allen Seiten ihn ein, schien durch seinen Körper zu rauschen. Auf dem Weg zur Toilette, er wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten, schien es ihm, als würde er nicht gehen, sondern in seiner eigenen mystischen Aura dahinschweben. All diese wunderschönen Menschen lächelten ihn an und sahen aus, wie er sich fühlte. Die Pille knallte jetzt rein, ihm flog die Schädeldecke weg, er schäumte über vor Energie und brillanten Einfällen.

„Auf XTC kannst Du super Sex mit völlig Fremden haben. Ohne Drogen ist so was gar nicht möglich, artet außerdem in Arbeit aus“. Hatte Mike ihm gesagt. Und so wars auch. Alex konnte nahezu jedes Mädchen dazu bringen, mit ihm ins Bett zu gehen. Damals war es ausschließlich die Eroberung, die ihn reizte. An echter Hingabe oder Seelenverwandtschaft war er rein gar nicht interessiert.

Mike hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, bis sie sich vor zwei Wochen zufällig über den Weg liefen. In seiner Freizeit, von der er reichlich hat, verkauft dieser jetzt Drogen im großen Stil und dämmert ansonsten im Nichtstun vor sich hin.

„Und Du? Gibst immer noch Mongos Reitunterricht?“ Alex war kurz davor gewesen, ihm ein paar reinzuhauen. Mike sah völlig unverändert aus: Von weitem noch ganz gut,  beim Näherkommen entdeckte man dann aber sofort die fahle Haut, den flackernden Blick und die schlechten Zähne.

Silvester. Alex und Julias großer Tag. Der Plan: Sie werden den Abend und die Nacht bei Julia und Leo zuhause verbringen. Deren alleinerziehende Mutter wird bei ihrer Schwester feiern und dort auch übernachten.

Als Alex um 19.00 Uhr bei Hausers klingelt, ist er schweißgebadet. Hätte er sich doch bloß nicht darauf eingelassen. Wieso hat er sich auch von diesem Scheiß-Mike bequatschen lassen. Nur bis heute einen riesigen Plastikbeutel voller Pillen für ihn aufzubewahren, weil Mike schon Stress mit den Bullen hat und das Zeug nicht in seiner Wohnung lassen kann. In knapp einer Stunde wird er sich kurz mit ihm am Volkspark Rehberge treffen, der liegt direkt bei Julia und Leo um die Ecke. Mike wird Alex  300 Euro fürs Aufpassen  geben und davon wird dieser dann Julia zu einem Paris Wochenende einladen. Paris. Dafür kann man schon mal einen kleinen Schweißausbruch in Kauf nehmen.

Und Mike wird heute Nacht das Geschäft seines Lebens machen.

Puh. Die ganze Zeit, und vor allem eben in der U-Bahn, hat ihn dieser verfickte Beutel in den Wahnsinn getrieben und ihm förmlich ein Loch in seine Jackentasche gebrannt. Aber ist ja alles gut gegangen. Niemand hat ihn unterwegs verhaftet.

Frau Hauser ist schon gegangen. Leo, der bis eben auf dem Wohnzimmerboden mit Playmobil gespielt hat, stürzt ihm zur Begrüßung in die Arme. Julia lächelt ihr spezielles Julia-Lächeln, ihr Gesicht ist jung und weich. Alles ist gut. „Guck, mal Leo, habe ich für unsere Feier mitgebracht.“ Alex wirft seine Jacke auf den Sessel und zieht Luftschlangen, ein Set zum Bleigießen sowie ein großes Kuchenpaket mit Pfannkuchen aus seinem Rucksack. „Und hier. Raketen. Die feuern wir um Mitternacht ab. Weißt Du, wieso man das macht, Leo? Damit sollen die bösen Geister vertrieben werden.

Julia zieht ihn in die Küche, damit er ihr bei der Lasagne, Leos Lieblingsessen, helfen kann. Im Wohnzimmer beschäftigt sich der Kleine währenddessen fasziniert mit den Luftschlangen. Wenn hier jemand Geister vertreiben kann, dann Du, denkt Alex, als er Julia von der Seite beim Béchamelsauce rühren beobachtet. Meine Dämonen nämlich und die ganze beknackte Vergangenheit gleich mit.

Als die Lasagne im Ofen ist und sie sich gerade küssen, ertönt aus dem Nebenraum plötzliches ein dumpfes Poltern.

Alex erreicht zuerst das Wohnzimmer. Leo kauert auf dem Fußboden. Seine Augen sind weit aufgerissen, Schaum läuft ihm aus dem Mund. Der geöffnete Plastikbeutel liegt auf dem Tisch. Die weißen und rosa Pillen mit Delphin und Kleeblattaufdruck sind überall verstreut.

Der Krankenwagen trifft fast gleichzeitig mit Mikes SMS ein: Wo bleibst Du, Alter? Die Leute wollen Party machen.

 

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