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Unerhörtes Schaf auf der Buchmesse gesichtet

20. March 2011 | von | Kategorie: Blog

 

Die Aufregung wächst. Vom Hauptbahnhof Lääpsch aus fährt der Unerhörte mit einer Tasche voller ungehobener literarischer Schätze gen Messegelände. Leider ist die Straßenbahn so von Messebesuchern und Schulkindern (Wandertag) überfüllt, dass er keinen Sitzplatz finden kann. Das kleine Kapitalistenschaf wäre beinahe vom Autor getrennt worden, da es in der Tür steckenblieb und dadurch um ein Wollknäuel in zwei Hälften geteilt worden wäre. Noch mal gutgegangen, das Schaf ist drin und transpiriert so heftig, dass sämtliche Scheiben beschlagen. Fast eine halbe Stunde dauert die Fahrt zur Messe, gefühlte drei Stunden.
Endlich die Ankunft am Messegelände. Orientierungsschwierigkeiten. Haupteingang, Eingang für Aussteller, Eingang für Fachbesucher,… aha! Eingang für unerhörte, verkannte und vergessene Autoren, Eingang für Rindviecher, Schweinepriester… Schafe und andere Wolltiere! Na also… wir treffen uns hinter der Schranke wieder. Dann die 2. Orientierungshürde: 4 Hallen voller Bücher und Verlage, in der Mitte die Fernsehsender, die monopolistisch über die Konkurrenz, die Erhörten, berichten – das Kapitalistenschaf murmelt etwas von Weltverschwörung. Überall zeigen sich die Erhörten von ihrer besten Seite und geben ein Interview nach dem anderen. Gut im Rennen liegen Sachbuchautoren mit praxisorientierten Titeln und Themen à la “Wie überlebe ich meinen Mann?“ oder „Der 1A-Karriereplaner für Ihre hochbegabten Drillinge“.

Huch, wo ist denn das Schaf geblieben? Hat sich selbständig gemacht…
Für mich interessant ist der Abschnitt mit dem Schwerpunkt Kinderbuch. Kinderhorden wuseln um mich herum, kucken mich scheel an, dass ich in IHRE Bücher kucke und reißen mir die Werke mit eindeutigem Besitzanspruch aus den Händen. Hinfort, sonst werde ich von den kleinen Bestien noch gelyncht. Ein benachbarter Schwerpunkt ist der Comicbereich. Hier versammeln sich allerdings vor allem Manga-Anbieter und unzählige jugendliche Fans, die massenhaft in buntesten Mangahelden-Kostümen umherspazieren. Manche tragen täuschend echte Samurai-Schwerter mit sich… bloß weg hier!
In den Belletristikbereichen, die sich über alle Hallen verteilen, fragt der Unerhörte kleinlaut und devot an den Informationsständen der Großverlage nach, ob man einem Lektor sein Manuskript vorstellen könne. Doch er wird jedes Mal mit einem Info-Blatt abgewimmelt, auf dem die Bedingungen der Verlage stehen. Bei Nichtbeachtung dieser großherzigen Klauseln droht das Recht der Scharia oder das Strafrecht für chinesische Staatsfeinde.
In Halle 5 mache ich ein paar Entdeckungen. Hier treffen sich Illustratoren, die Illustratoren-Organisation stellt sich vor, Zeichner berichten von ihren Erfahrungen. Die Illustratorenorganisation ist sehr gut organisiert und berät ihre Mitglieder in allen Bereichen wie Vertragsrecht, angemessene Vergütung etcetera. Sowas könnten Autoren auch gebrauchen. Bei Books on Demand ist zu meiner Freude das Buch eines anderen unerhörten Autors, Mark Scheppert in mehreren Exemplaren ausgelegt. An diesem Stand gibt es, sofern man sich eine Weile von einer Angestellten beschwatzen lässt, kostenlosen Cappucchino, und der ist wirklich hervorragend. Schade, dass das Schaf ihn nicht kosten kann.
Am Ende des Tagens, nach kilometerweiten Gängen und Verläufen durch das Labyrinth der Bücherhallen, schleicht der Unerhörte, mit kiloschweren Katalogen und Visitenkarten-Sammlungen belastet, langsam, mit Rücken-, Hals- und Nackenschmerzen sowie platten Füßen zum Ausgang. Zu seiner Freude entdeckt er schon von weitem das Kapitalistenschaf, das dort auf ihn wartet. Doch oh Graus, was ist ihm widerfahren? Es ist angewachsen zu gigantischer Größe und sieht neben dem ZDF-Pavillon aus wie ein eigenes begehbares Ausstellungsstück. Wie konnte das geschehen?
Der Unerhörte bemerkt, dass überall Sicherheitsleute umherrennen, die von Bücherdiebstählen im großen Stil stottern. Halle 3 und 4 wurden unter den Augen der Besuchermassen leergeräumt. Man ist ratlos, verzweifelt, bestürzt.
Das Schaf zwinkert mir zu und muss aufstoßen. Der Duft frisch gedruckter Bücher steigt mir in die Nase. Alles klar. Kapitalistisch gut gemacht, Raubtier!

Wir verlassen vorsichtig das Messegelände. Keiner schöpft Verdacht.
Das Schaf stopft sich in die Straßenbahn und verdrängt so eine Horde der lästigen Messebesucher. Danke für den Sitzplatz, Schaf! Ab geht´s, durch Lääpsch, dann zurück nach Berlin, in die Metropole der Unerhörten Literatur.

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