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“Ein Bär auf Abwegen” von Ralph Trommer

4. February 2011 | von | Kategorie: Leseproben

Gerade erreicht uns folgende Unerhörte Nachricht:
Während der Berlinale ist Eisbär Knut aus dem Zoologischen Garten entwischt. Der Schnee war in Knuts Gehege so hoch gestiegen, dass er nachts bequem über die Balustrade klettern konnte und anschließend ohne Probleme über die Mauer des Zoogeländes entwischt ist. Knut hat offenbar die Chance genutzt, um ein Bad in der Spree zu nehmen und auf Robbenjagd zu gehen. Hierbei wurde er jedoch nicht fündig. Da der Fluss zu großen Teilen zugefroren war, musste Knut weite Strecken über die Spree rutschen und begegnete so einigen Eis laufenden Kindern. Diese hatten ihn für einen verkleideten Eiskunstläufer gehalten, so elegant wäre der Bär über das Eis geglitten.
Ein heulendes Kind äußerte, dass Knut ihm seinen Schlitten geklaut habe. Ein anderes zog eine Flunsch, weil Knut dessen Pudelmütze aufgesetzt habe und damit ebenso stiften gegangen sei.
Bevor die Polizei eintreffen konnte, war Knut blitzschnell auf seinem Schlitten über die Spree entfleucht. Die Beamten hatten leider noch kein passendes Gefährt entwickelt, dass Knuts Fortbewegungsmittel ebenbürtig war.
Knut schlitterte im Folgenden am Kanzleramt vorbei, wo die Kanzlerin gerade aus dem Fenster schaute und ihm nach kurzem Stutzen erfreut zuwinkte. Auf Nachfrage gab sie an, den bärenhaften Knut Beck auf Berlin-Urlaub erkannt zu haben. Ihre Brillenstärke sowie ihre Fraktionszugehörigkeit werden seitdem überprüft.

Knut ging irgendwo im Tiergarten an Land, wo er laut Zeugenaussagen auf Bäume kletterte und einige Eichhörnchen verschlang. Aus diesem hohen Winkel erspähte er wohl auch ein Wildschwein, das er sogleich zu jagen begann und sich nach gewonnenem Duell schmecken ließ. Sein anschließender Rülpser war über mehrere Kilometer weit zu hören.

Auf der Straße des 17. Juni musste ihm das 1. Plakat aufgefallen sein: „Bär-linale“!
Knut freute sich wie Bolle und machte sich sofort auf den Weg. Weitere Plakate führten ihn zum Bärlinale-Palast, wo gerade eine Filmpremiere stattfand. Knut wurde auf dem roten Teppich gesichtet und eifrig von Fotografen abgelichtet, die das scheinbare Knut-Double für einen geschickten PR-Gag hielten. Doch Knut wurde das Geblitze irgendwann zu bunt, er schnappte sich den Fotografen und schüttelte ihn in seinen Pranken ordentlich hin und her. Dabei überlegte er, ob er die passende Nachspeise für das Wildschwein gefunden hatte. Doch besinnte er sich anders, offenbar war ihm der ungewaschene Gestank des Berlinalegestressten Menschen doch nicht appetitlich genug. Der Fotograf kam mit einem Schrecken und einem Schütteltrauma davon. Knut machte sich weiter auf die Suche nach der Bärlinale und ging, ohne ein Eintrittsticket zu lösen, eiskalt an den zu Eiszapfen erstarrenden Kartenabreißern vorbei. Er setzte sich in die Filmvorführung, ein Bärenvergnügen erwartend, und wurde bitterlich enttäuscht, dass es wieder nur einer dieser französischen Liebesfilme war. Kein Bär, geschweige denn eine attraktive Bärin weit und breit.
Nach genauer Durchsicht des Programms kam er zu der Auffassung, dass hier ein Etikettenschwindel vorlag. Alle möglichen Genres waren vertreten, aber nirgends ein anständiger Bärenspaß oder auch nur ein spannendes Arktis-Drama. Knut beschloss, das nicht auf sich sitzen zu lassen und fragte sich durch, was für ein Tier denn für den ganzen Schlamassel verantwortlich sei. Nachdem er einigen Leuten dafür an die Gurgel gegangen war und herausbekommen hatte, dass das Geschöpf Kosslick hieß, suchte er es auf dem ganzen Festival, jedoch schien dieses ständig von einem Ort zum anderen zu huschen. Jedenfalls dauerte es sehr lange, bis Knut fündig wurde.
Es war in einer Veranstaltung des kulinarischen Kinos. Knut musste sich angesichts der beißenden Gerüche der ausgestellten Gerichte angeekelt abwenden – was sich Menschen doch so alles an Widerlichkeiten einverleibten. Er erkannte das Kosslick an seinem auffälligen Hut, dem roten Schal und daran, dass es unablässig über Filme und Essen schwatzte.

Knut schnappte sich das Kosslick und schleppte es einige Hundert Meter mit sich, wo er es sich ungestört zur Brust nehmen konnte.
“Hör mal, du Kosslick, was soll das ganze Getöse um die Bärlinale? Ich habe weit und breit keinen Bären gesehen, obwohl auf jedem Plakat einer abgebildet ist“.
Das Kosslick schwitzte und keuchte lange, um Zeit zu gewinnen. Endlich fiel ihm eine passende Erklärung ein:
“Ganz einfach, das Festival findet dir zu Ehren statt, Knut, du wurdest als DER Stargast angekündigt! Heute Abend gibt´s sogar eine Gala, wenn du willst, kannst du alles auffressen, das ganze Buffet, von mir aus auch die Stars, wenn dir nach ihnen ist“.

Das schmeichelte Knut doch ein wenig. Er nahm sein Vorhaben zurück, das Kosslick mit einem Haps aufzufressen.

„Das ist nett von dir. Aber ich glaube, ich hab genug von dem Rummel. Grüß die Stars von mir“ sagte Knut müde.

So ließ Knut das Kosslick auf den Boden plumpsen und verließ in gemächlichem Gang das Festival. Er nahm auf dem Rücktritt wieder den Schlitten und rutschte vergnügt zurück über die vereiste Spree, ohne zu merken, dass er von einem hilflosen Polizeieinsatzkommando verfolgt wurde und es im Halbschlaf abhängte. Im Zoo wurde er herzlich von seinem Pfleger aufgenommen, der ihm sogleich ein bluttriefendes Stück Fleisch servierte. Knut war froh, wieder in seinem Gehege zu sein und hatte fürs erste genug von der Kultur.
“Hm“, sinnierte Knut, „das Kosslick hat gesagt, dass in einem Jahr wieder eine Bärlinale stattfindet. Vielleicht lass ich mir dann diese Stars schmecken, sollen ja die Leckerbissen der Bärlinale sein.“

[Weiter...]