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Ariane Meinzer “Ohne Wenn und Aber”

15. June 2012 | von | Kategorie: Leseproben

Aus der rudimentären Enzyklopädie der deutschen Sprichwörter und Redensarten: O wie „Ohne Wenn und Aber“

Hans-Peter „Hansi“ Bolle, der Präsident des Fußballklubs Hertha BSC kippte beherzt die 11. Molle mit Korn dieses Abends. Wenigstens beim Saufen konnte ihm niemand das Wasser reichen und wenn es denn doch einer tat, so lehnte er dankend ab- was sollte er mit Wasser, wenn es im Vereinsheim des Hauptstadtclubs noch volle Bierflaschen gab.

Wehmütig erinnerte sich Bolle an die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern über die Zeiten, als die Hertha noch in der 2. Bundesliga spielen durfte. Seine Oma Bertha behauptete sogar, dass der Berliner Traditionsverein auch mal kurzzeitig in der 1. Liga gespielt hatte, aber diese unsinnige Behauptung führten alle in der Familie Bolle auf Oma Berthas stringenten Konsum von Korn ohne Molle zurück.

Inzwischen verblassten in Berlin sogar die Erinnerungen an den einstigen Ruhm und 9 von 10 auf der Straße befragten Berlinern wussten nicht einmal, dass es die Hertha noch gab. Aber Hansi Bolle wusste es besser und wollte es noch einmal mit seiner Mannschaft  unter Trainer Spiegel versuchen. Natürlich spielten sie nur in der Kiezliga und natürlich war dies der absolute Tiefpunkt ,aber ebenso natürlich konnten seine Jungs jetzt frei von jeglicher Angst vor dem Abstieg spielen, denn unter der Kiezliga gab es einfach garnichts mehr, die Hertha saß mit dem blanken Hintern auf dem knallharten Boden aller Tatsachen und konnte nur noch tiefer fallen, wenn sie es fertig brachte, ein tiefes Loch in den Boden des Olympiastadions zu buddeln. Dass Bolle seinen Spielern eine Zeitlang sogar DAS zugetraut hatte war ein Kapitel in einem ganz anderen Buch, das er zum Glück neulich auf der Tribüne des 1. FC Mäuseberg liegen gelassen hatte. Hastig stürzte Hansi bei dem Gedanken an das Spiel in Mäuseberg den Doppelkorn einfach runter. Nach dem 0:23 lief der letzte bis dato verbliebene Fan der Hertha Amok und versuchte, Bolle und Spiegel mit seinem lumpigen Fanschal zu erwürgen. Die Mannschaft konnte zu dem Zeitpunkt nicht zur Hilfe eilen, da sie weinend und bettelnd hinter den Mäuseberger Kickern her rannte und versuchte, diese zum Trikottausch zu bewegen. Zum Glück waren Hansi und sein Trainer fitter als das Gros der Mannschaft und konnten souverän aus dem Stadion flüchten.

Wenn der Präsident die Lage seiner Mannschaft mal nüchtern betrachtete, was angesichts eines gleichmäßigen Flusses von Molle und Korn selten vorkam, so trug die einstige Hoffnung des Vereins, nämlich Trainer Till Spiegel, aufgrund der übergroßen Nerd-Brille auch Eule genannt eine maßgeblich Verantwortung für den aktuell allerletzten Platz in der Kiezliga. Als Spiegel in der vorletzten Saison 2019/2020 seine Arbeit aufnahm, spielten sie immerhin noch in der 2. Regionalliga und es bestand Hoffnung, sich dort dauerhaft im guten Tabellenmittelfeld zu etablieren.

Vielleicht wurde der Grundstein zum totalen Niedergang gelegt, als Spiegel seine Jungs in einer flammenden Motivationsrede am ersten Trainingstag dazu aufgefordert hatte, künftig voll und ganz hinter ihm zu stehen. Eifrig nickten die Kicker und erschienen am Folgetag randvoll mit Alkohol abgefüllt zu Training, der Außenverteidiger Knorke zerrte eine empört schnatternde Gans hinter sich her. Die handverlesene Standpauke des Trainers beeindruckte niemanden wirklich, ein paar Spieler schüttelten verwirrt und ohne Schuldbewusstsein den Kopf, schließlich fragte Knorke lallend, was denn der Herr Trainer habe, die Mannschaft stünde schließlich voll und mit Gans hinter ihm.

Das Training fand an dem Tag statt, musste aber vorzeitig abgebrochen werden, da sich ein Mittelfeldspieler ausgiebig über der angeleinten Gans übergab, welche dann aus Frust den einzigen Ballzauberer der Mannschaft, Stürmer Max Mops in die Waden biss. Angesichts des bedenklichen Alkoholkonsums in Verbindung mit dem Gänsebiss litt Mops dann auch an folgerichtig an chronischer Gänseleber und musste gesundheitsbedingt die Mannschaft verlassen. Es sollte nicht der letzte Abgang sein.

Doch erstmal durchlitt die noch fast vollständige Mannschaft eine beschämende Niederlage nach der anderen. Heimspiele, Auswärtsspiele, völlig egal. Bolles Jungs krochen matt über das frische Rasengrün und starrten apathisch auf den Ball, der anscheinend magnetisch von ihrem Tor angezogen und dauerhaft darin versenkt wurde. Es gab Spiele, da befand sich der Ball zu keinen Zeitpunkt im Besitz der Hertha und die Lust, weiterhin vergeblich hinter dem Leder herzujagen verging den Spielern mehr und mehr und als irgendwann der Linksaußen Pierre Kalinowski ein Skatspiel zückte, war kein Halten mehr- sollte sich doch die gegnerische Mannschaft alleine abrackern!

Bolle und Spiegel holten sich den Rat eines Spotmediziners und nach einem flüchtigen Blick auf die Mannschaft, die gerade in trauter Harmonie Primeln auf dem Spielfeld pflanzte kam Professor Schießer zu der eindeutigen Diagnose, dass alle miteinander unter heftigem Ballfieber im Endstadium litten. Abhilfe tat Not, war aber nicht in Sicht, da die Krankheit unter Kennern der Materie gemeinhin als unheilbar gilt und im Endstadium zum vollständigen Wahnsinn und/oder Verlassen der Mannschaft zu horrenden Ablösesummen führt.

Als erster erreichte der Kapitän Iglo dieses Stadium, der dann für eine stolze Ablösesumme von 5 Portionen Pommes mit Mayo zu Fischstäbchen United wechselte. Ihm folgten wenige Tage später Kalinowski und Müller, die ein vielversprechendes Angebot aus Madagaskar erhalten hatten- zumindest interpretierten sie so die Ansage ihres Trainers, sie sollten doch hingehen, wo der Pfeffer wächst. In Madagaskar spielten sie dann sogar recht erfolgreich in der Nationalmannschaft und schickten Bolle und Spiegel regelmäßig gelbe Karten von diversen Turnieren.

Tja- das war jetzt alles auch schon wieder eine Zeit her und von der gesamten Mannschaft waren Bolle nur noch der Torhüter Siggi Wenn und ein äußerst dürftiger Stürmer namens Heiner Aber geblieben. Morgen stand nun das Lokalderby gegen den 1. FC Union in der alten Försterei auf dem Plan. Die Union, schon lange strahlender Stern in der 1. Liga hatte der Hertha dieses Spiel angeboten und der DFB lobte aus Mitleid mit dem blauweißen Traditionsverein eine Rückkehr in die 1. Liga aus, falls die Hertha dieses Spiel gewinnen sollte.

Für Bolle war schon jetzt klar, dass es die endgültige Hinrichtung seines Vereins sein würde, denn das Ballfieber hatte auch Wenn und Aber so dramatisch geschwächt, dass er aus Verantwortung für seine beiden letzten Fußballer einen Einsatz nicht zulassen konnte. Er musste also ohne Wenn und Aber spielen, ergo ohne auch nur einen einzigen Spieler auf dem Feld. Wenn also Union pro Spielminute 3 Tore schaffte, dürfte die Partie für die Hertha ungefähr mit 0:270 ausgehen. Das wäre dann ein Spielergebnis, das selbst Hansi Bolle nicht mehr schöntrinken konnte. Von dieser Erkenntnis ernüchtert zahlte der Manager seine Zeche und schlich nach Hause, um vor dem mutmaßlich letzten Spiel seiner Laufbahn noch ein paar Mützen Schlaf zu nehmen.

Drei Tage später, als der Presserummel um den kometenartigen Aufstieg von Hertha BSC aus der Kiezliga in die 1. Bundesliga von Hysterie hin zu andauernder Begeisterung abgekühlt war, saßen Bolle und Trainer Spiegel bei einem leckeren Katerfrühstück mit sauren Gurken und Rollmöpsen zusammen. Spiegel grinste trotz der üblen Kopfschmerzen, klopfte Bolle zum hundertsten Mal auf die Schultern und lallte: „Alter Schwede…Hansi, Mensch..ick fass es immer noch nich. Da hat det Ballfieber doch die Union echt noch übler erwischt als uns-228 Eijentore bei nur 19 Treffern in unser Tor. Dann doch lieber janz ohne Spieler uffm Feld als mit dem Haufen armer Irrer, wa?! Wirtin, zwee Bier! Auf die erste Liga, Hansi! Und zwar ohne Wenn und Aber!“

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